Zurück zum Anfang und noch weiter

Wälder und Wiesen verschmelzen zu unrealen grün-braunen Gemälden, während ich seitlich aus dem fahrenden Auto schaue. Es ist bereits Mitte Juni, also fast ein ganzes Jahr, seit ich, nur mit meinem Rucksack bewaffnet, unterwegs bin. Die warmen Wiesen duften nach Sommer und ich sitze wehmütig und freudig-aufgeregt auf dem Beifahrersitz. Schon bald schliesst sich der Kreis und ich werde wieder genau dort sein, wo meine Reise begann. 

Fanky navigiert uns durch die wenigen Häuser, im kleinen Dorf Rhadern in Deutschland. Und tatsächlich strahlen uns schon von Weitem bekannte Gesichter entgegen. Es folgt eine herzliche Begrüssungsrunde, dann gibt es – fast genau wie am Familienfest vor einem Jahr – Eintopf, Kaffee und Kuchen und alles mögliche, leckere vom Grill. Wir schlafen wieder im grossen Haus, nur diesmal ohne die schöne Schäfchendecke und spazieren mit den Hunden am hübschen Fluss Orke. Ein perfekter Abschluss für meine Reise! Das Wochenende verfliegt rasend schnell und Sonntagnachmittags fahren wir los zurück in die Schweiz und lassen einen von zwei Serrano Schinken zurück.

 

Welcome to Zürich
Simone fährt, Fanky streckt vorne seine langen Beine und reisst Sprüche und ich leiste dem verbliebenen und einsamen Schweinebein auf dem Rücksitz Gesellschaft.
Während ich noch versuche meine Sitzposition auf begrenztem Raum zumindest ein bisschen bequemer zu gestalten, überqueren wir die Schweizer Grenze. Ich bin das erste Mal seit einem Jahr auf helvetischem Boden und kurz steigt in mir das überschwängliche Bedürfnis auf, mich mit einer Hand vor der Brust zu erheben und ‚Triiiitst im Mooorgen…‘ zu trällern. Beim unüberlegten Versuch knalle ich jedoch mit meinem Ellenbogen gegen die Schweineklaue und stosse mir den Kopf am Autodach – autsch! Damit hat sich das mit den patriotischen Gedanken.
Die erste Nacht verbringe ich noch in Zürich bei Fanky, doch schon am Montag morgen steige ich in die S-Bahn von Zürich nach Wädenswil zu einer jungen Frau ins Abteil, grüsse kurz und setze mich dann. Eine Antwort bleibt aus, sie mustert mich nur von Kopf bis Fuss: Es ist in der Schweiz nicht üblich im Zug mit Unbekannten zu plaudern – Welcome to Zürich!
Schliesslich finden Beine den Weg von alleine. Ich öffne die Türe und stehe zu Hause in meiner alten Wohnung, die ich untervermietet hatte. Ich werfe den Rucksack in eine Ecke und erkunde mein Reich. Alles ist noch am genau gleichen Ort, jedes Buch im Bücherregal sitzt brav an seinem Platz – als ob die Zeit für ein Jahr den Atem angehalten hätte – schön und irgendwie beängstigend. Neugierig, verlasse ich meine Wohnung bald wieder. Ich gehe die Stufen nach unten, öffne die Haustüre und ziehe schliesslich das schwere, schwarz-metallene Gartentor zu, das – wie immer – quietschend protestiert. Dann lenke ich meine Schritte nach links, bis zum Fussgängerstreifen, überquere die Strasse, hüpfe die drei Stufen nach unten – und bleibe unvermittelt auf dem Vorplatz der Kirche stehen, als ich merke, dass ich während dieser Abfolge mit meinen Gedanken ganz wo anders bin. Ich könnte den Weg blind gehen, ohne auch nur einmal zu stolpern, jeder Handgriff, jeder Schritt sitzt und plötzlich weiss ich nicht mehr was Realität ist: War ich nie weg und meine Reise war nur ein schöner Traum oder Einbildung? Die Kirchenglocke hoch über mir beginnt zu läuten. Ich fühle mich winzig klein, zähle die Schläge und taste gedankenverloren über meine Seite und schaue dann ängstlich nach, ob da dunkle Farbe durch meine Haut schimmert. Ich seufze erleichtert, als ich die feinen Schattierungen finde. Es war kein Traum! Das filigrane Tattoo, welches mich seit Portugal begleitet, ist der Beweis.

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Zu Hause?
Die Tage verstreichen quälend langsam und mir wird bewusst, wie viel ich an jedem einzelnen Tag unterwegs erlebt hatte. In Wädenswil sind die Tage jedoch alle gleich. Ich muss keine Pläne schmieden, wo ich als nächstes hin reise, welche Sehenswürdigkeiten ich auf keinen Fall verpassen möchte, wie ich von Land zu Land komme. Es gibt wenig Ablenkung und keine Beschäftigung. In der kleinen Schweiz fühle ich mich seltsam fremd und eingeschlossen wie in einem Gonfiglas. Es ist eng und doch irgendwie gemütlich bequem. Die Konfitüre schmeckt süss und superlecker. Hier werde ich zumindest nicht verhungern, höchstens am Überfluss ersticken.
Ich freue mich meinen Rucksack nicht fast täglich wieder packen zu müssen, endlich wieder mehr als Sportklamotten und immer die gleichen Schuhe zur Auswahl zu haben, auf meinem gemütlichen Sofa in meiner gemütlichen Wohnung ganz alleine zu sitzen.

Doch schon bald sehne ich mich nach Veränderung, neuen Orten und neuen Menschen. Dem unabhängigen umherziehen und vor allem: Abwechslung.
Ich tausche azurblaues Meer gegen das trübe Wasser des Zürichsees, den wilden Dschungel gegen die Schweizer Nutzwälder. Nur langsam finde ich eine gewisse Routine wieder, die mir das unflexible zu Hause erleichtert. Ich schreibe Bewerbungen, spaziere viel und betreibe aktiv Beschäftigungstherapie. Meine Tagträume führen mich mal nach Komodo, wo ich mit den Mantas tauche und dann nach Russland wo mich das sanfte schaukeln des Zuges in den Schlaf wiegt.

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Zurück in den Arbeitsalltag
Aus purer Langeweile melde ich mich auf einer Freelancer-Plattform an, ohne Erfolgsgedanken und gleichzeitig bewerbe ich mich bei verschiedenen Büros in Zürich. Die Vorstellungsgespräche sind so verschieden wie die Firmen. Im einen wird mit Stolz gezeigt was man kann und hat und im nächsten wird der Verhör-Fragebogen gezogen: Wie gehen Sie mit Kritik um? Was denken Ihre Freunde über Sie?
Nur bei einem einzigen Vorstellungsgespräch interessiert sich die Geschäftsleitung auch für meine Person und nicht nur dafür, wie viele Überstunden ich bereit bin zu leisten. Dort unterschreibe ich den Vertrag.
Nach wenigen Wochen im neuen Büro bin ich vollends zurück in der Routine. Endlich habe ich wieder etwas zu tun und muss zur Beschäftigung keine Schlüsselanhänger mehr basteln. In dem kleinen Team fühle ich mich wohl und doch fehlt mir die Flexibilität. Ich sitze täglich 8.4 Stunden und starre in einen grellen Mac-Bildschirm. Es gibt wieder Wochenenden und Feierabende. Ich plane meinen Arbeitsalltag anstelle meiner nächsten Reisedestinationen. Die Zeit läuft schneller, doch spät Abends überkommt mich manchmal die Angst in eben dieser süssen Routine hängen zu bleiben. Eine Innere Unruhe erfasst mich immer wieder, das Fernweh zerrt an mir.

Plötzlich schneien die Freelancer-Aufträge nur so durch die Türe und nach der Arbeit und auch am Wochenende bewältige ich Projekt für Projekt. Damit ich mich zumindest ein bisschen bewege, gehe ich vom Hauptbahnhof 30-40 min zum Arbeitsort und zurück, unten am See entlang und bewundere die flinken Enten, schönen Schwäne und frechen Möven.

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Ein neues Abenteuer
Die Blätter der Bäume entlang dem Uferweg färben sich langsam. Es ist früh morgens, der Nebel hängt federleicht und luftig, knapp vor dem Horizont über dem See. In diesem Moment erinnert mich der Zürichsee an ein Meer und ich bleibe direkt am Ufer unter der alten, dicken Linde stehen. Nur das Rascheln der Blätter im Wind und das leise Schwappen des Wassers an den Ufersteinen stört die kühle morgendliche Stille. Plötzlich bin ich mir sicher und ich weiss genau was zu tun ist. Mein Atem gefriert in der Kälte, mein Blick schweift über den See.

Ich entscheide mich für das Risiko, für mehr Lebensqualität und vor allem für die Flexibilität. Doch als ich losgehe wird mir das Herz schwer, denn ich habe mich auch für einen Abschied, und gegen die Sicherheit entschieden. Ich vereinbare ein Gespräch mit der Geschäftsleitung. Wir sind uns bald einig, das sich unsere Wege trennen werden. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge wage ich mich in ein neues Abenteuer: Die Selbständigkeit. Und eines steht fest, sobald möglich werde ich wieder Reisen. Zu neuen Orten, denn es gibt noch so viel zu entdecken – Die Welt wartet.

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