Schweinebeine und Schnecken

Es dauert eine ganze Weile, doch dann endlich höre ich das vertraute Brummen des schwarzen Autos und meine innere Ruhe ist plötzlich nicht mehr auffindbar. Ich winke wie wild mit den Armen, um das Auto in die richtige Richtung zu dirigieren und öffne gleichzeitig hastig und mit zitternden Händen das Garagentor.

Langsam rollt der Wagen in den Bauch des Gebäudes, ich renne hastig hinterher und mein Puls ist höher als er bei der kurzen Laufstrecke sein sollte. Keuchend komme ich beim Parkplatz an und schon öffnet sich die Fahrertüre.
Ich zögere und halte die Luft an. Meine Gedanken überschlagen sich: Während ich auf Reisen war, haben wir kein einziges Mal telefoniert. Nur alle paar Wochen gab es eine Whatsapp-Nachricht. Dann bereisten wir gemeinsam Vietnam und Kambodscha. Es folgte wieder eine monatelange Funkstille. Werden wir uns wieder erkennen, oder haben wir uns zu sehr verändert? Ich bin nervös und möchte am liebsten wieder davon rennen und es bei den guten Erinnerungen belassen. Abrupt stoppe ich meine Gedanken, nehme meinen ganzen Mut zusammen und hole Anlauf. Der völlig überrumpelte Fanky fängt mich gerade noch auf. Ganze sechs Monate haben wir uns nicht gesehen und doch fühlt sich die Umarmung an, als hätten wir uns erst gestern im kambodschanischen Siem Reap verabschiedet, ohne zu wissen, ob es jemals ein Wiedersehen geben wird.
Ganz untypisch braucht Fanky tatsächlich einige Sekunden, bis er seine Sprache wieder findet. Dann stellt er mich zurück auf den Garagenboden und plappert – ganz typisch – darauf los und lästert mit viel Temperament und wilden Handbewegungen über den barcelonanischen Verkehr. Ich grinse und nutze die Pause um wieder zu Atem zu kommen, während ich dem völlig übermüdeten Fanky – der in einem Stück von Zürich nach Barcelona gefahren ist – den Weg in unser Hotel zeige.

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Schweinebeine
Wir sehen uns Barcelona genauer an und geniessen Cerveca, Sangria und Tapas. Es gibt viel zu erzählen und auch ein grober Plan für die nächsten zwei Wochen will gemacht werden. Bei Wein und Tapas entspringt unseren angeheiterten Gedanken die geniale Idee beim kommenden Familientreffen einen Serrano-Schinken für unsere Gastgeber mitzubringen. So verfliegt die Zeit und schon bald lassen wir die hübsche Stadt hinter uns.

Kurz vor der Grenze zu Frankreich kaufen wir vier Kilogramm Fleisch am Knochen und mit Fuss und weil Schweinebeine bekanntlich einsam sind, kaufen wir uns dann kurz entschlossen sogar zwei. Stolz auf unseren Einkauf verlassen wir Spanien mit einem glücklichen Paar getrockneter Beine auf dem Rücksitz und überqueren die Grenze in Richtung Montpellier. Dort angekommen legt sich meine Euphorie über das Mitbringsel schlagartig als mir wieder einfällt, dass meine Verwandten in Rhadern ja eine Schweinezucht haben. Die viele Sangria muss mir wohl zu Kopf gestiegen sein. Jänu, es ist ja schliesslich ein schweine-echter Serrano-Schinken aus Spanien, das freut hoffentlich auch eine deutsche Schweinezucht-Besitzerin.

Von Montpellier aus fahren wir – immer dem schlechten Wein und guten Wetter hinterher – stetig nach Norden. Ich bestelle mir Moule ohne Frites und Fanky hält sich lieber an Entrecote und Cordonbleu – denn er reagiert bekanntlich mit bösen Magenverstimmungen auf die leckeren Muscheln.

 

Schnecken sind auch Schalentiere
Kurz vor Dijon stoppen wir zum frühen Apero beim ‘Escargot de Bourgogne’. Dort gibt es Schnecken im Einmachglas, tiefgefroren, zu Gesichtscremes verarbeitet und auch eine Schnecken-Degustation inklusive Grundwissen kann gebucht werden. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen und so sitzen wir schon bald im sonnigen Hinterhof auf einer Festbank und die nette Schnecken-Kennerin erklärt uns den Unterschied zwischen Zucht- und Wildschnecken. Dann bringt sie uns einen runden Teller mit exakt zwölf, ebenfalls runden Vertiefungen, in denen die spiralförmigen Häuser mit Eingang nach oben liegen. Dampf steigt auf und es duftet leicht nach Gewürzen und Knobli. Wir greifen uns eine Schneckenzange und fischen etwas ungeschickt nach den dampfenden Tierchen. Mit einem kleinen Pinn stochere ich schliesslich in meinem Häuschen nach dem gekochten Bewohner und ziehe die Schnecke dann aus dem leicht öligen Kräutersud. Sehr appetitlich sieht das nicht aus – jänu: Probieren geht über studieren! Der Leib ist viel kleiner als erwartet und überhaupt nicht gummig, sondern butterzart und mit dem leichten Kräutersud äusserst deliziös. Auch Fanky findet nach anfänglichem Eckelanfall, mit geschlossenen Augen und leicht gerümpfter Nase, gefallen an den kleinen Tierchen und schon bald fahren wir glücklich über diesen Nachmittagssnack zu unserer nächsten Unterkunft in Dijon.

Zügig erledige ich dort meine Rechnungen und Fanky geht schon mal in die nächste Bar und bestellt sich als Belohnung ein Apero-Bier. Die wenigen Schnecken sind bei weitem schneller verdaut, als sie kriechen können und schon bald nagt der Hunger an meinem Magen.

So schnell es geht springe ich in mein neues Kleid, werfe zumindest ein bisschen Farbe ins Gesicht und verlasse hungrig unsere kleine Airbnb-Wohnung in der hübschen Dijoner Altstadt. Fanky muss ich jedoch nicht lange suchen, denn er kommt mir bereits ziemlich bleich und im Stechschritt entgegen. ‘Toilette’ knurrt er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor, nimmt mir den Schlüssel ab und verschwindet. Ich bleibe kurz verwirrt und hungrig auf der Strasse stehen und finde Fanky kurz darauf kreidebleich auf dem Bett. Aus dem gemütlichen Abendessen in der Altstadt wird wohl nichts! Zum Glück hat er die entsprechenden Medikamente dabei.

Nach Google-Recherchen stellt sich bald heraus: Schnecken sind auch Schalentiere! Die Ursache des Unheils sind tatsächlich die lieben Weichtiere, die ebenso wie Muscheln eine Unverträglichkeit mit sich bringen können. Fanky bekommt nur noch Tee, Zwieback und Bouillon. Nach fast zwei unangenehmen Tagen zu Hause bessert sich seine Laune rapide, er plappert wieder und sobald sich auch sein Magen wieder an Bier heran traut, wagen wir uns ins Land der Bierbrauer und überqueren die Grenze nach Deutschland.

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Ein Gedanke zu “Schweinebeine und Schnecken

  1. War das dein letzter Blog? Oder kommt noch das deutsche Ende?
    Schade, ich habe sie stets gern gelesen und sie spannend gefunden…

    Nach Nordportugal müsste man einmal – so schön hast du es in den Bildern gezeigt und auch das Erleben anschaulich beschrieben.

    Gefällt 1 Person

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