Im Land der Tempelritter

Von Rittern und Tempeln
Der Regen prasselt plitschend unablässig auf den Stein. Er fällt tief in den Innenhof und zerspringt auf dem Boden, der die Spuren von vielen Füssen trägt. Das Prassel des Regens fängt sich in den steinernen, kühlen Hallen und ich glaube die längst verhallten Rufe der Tempelritter, die hier einst einhergingen, zu hören.
Gelbe, grüne und orange Flechten ranken über das kunstvolle Bild, welches Meister ihres Handwerks vor Jahrhunderten in den Stein gemeisselt haben. Stolz erzählen die kühlen, bleichen Steine von ihren Erschaffern. Die Steinkünstler wurden von ihren Auftraggebern auf weite Reisen geschickt, von denen Sie mit neuen Ideen und Motiven zurück kehrten, die sie dann sorgsam in den weissen Kalkstein hämmerten und schliffen, bis er verblüffend reale Pflanzen, ja sogar dicke Schiffstaufe zeigte. Filigran und massiv umschlingt ein riesiger Gürtel einen Turm, die Gürtelschnalle zeigt nach vorne. Immer wieder fällt mir das Kreuz vom Templerorden ins Auge. Die Spuren der Tempelritter sind in Portugal allgegenwärtig. Massive Steinbauten und Gräber erzählen von ihrem Anwesen im alten Portugal.

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Rohe Shrimps und blubbernder Wein
In Viana do Castelo im nördlichen Portugal checkt mich der Manager vom hübschen kleinen Hostel ein und erwähnt, dass er sich bald zum Yoga aufmacht. Ich stelle lässig die unvermeidliche Frage und Alex antwortet:‘Ich hole dich kurz vor sieben hier ab.’ Dann ist er auch schon um die Ecke verschwunden.

Kurz nach sieben betreten wir also den hellen Raum mit den kühlen, alten Natursteinmauern und hoher, hölzerner Decke. Es liegen bereits drei Yogamatten-Reihen neben- und knapp vier hintereinander im länglichen Raum. Geschmeidige Körper dehnen in extravaganten Posen. Ich platziere meine Matte schüchtern und mit klopfendem Herzen zu hinterst, in der Vierten, wo ich glaube am Besten von allen Anderen abschauen zu können. Alex legt sich in die Reihe vor mir und zu Vorderst, vor dem grossen Fenster liegt eine einzelne Matte quer. Dort sitzt unser Yogi im Schneidersitz und begutachtet mit durchdringendem, stechend-blauen Blick seine Schüler. Dann beginnt die Klasse – in Portugiesisch. Den Anfang kenne ich: Einatmen, Arme zum Himmel, ausatmen, wie ein Sackmesser zusammenklappen, einatmen, Oberkörper mit geradem Rücken halb heben und so weiter, bis der Po nach oben zeigt, so dass der Körper ein umgedrehtes V bildet – downward-facing-dog (nach unten schauender Hund).

So weit klappt alles ganz gut, doch dann nach einigen Aufwärm-Runden geht unser Yogi ans Eingemachte und bald habe ich dermassen viele Knoten im Körper, das ich mich schwer wieder selbst aus den Posen befreien kann. Ich schaue mir aktiv alles bei meinen Yoga Mitschülern – die natürlich alles perfekt auszuführen wissen – ab und trotzdem komme ich nicht in alle Posen. Unser Yogalehrer sieht es, verdreht die Augen und gibt mir teilweise Hilfestellungen in Englisch, doch ich verbiege mich nicht immer gänzlich korrekt und bald steht der gross gewachsene Yogalehrer vor mir. Mit tiefen, blauen Augen schaut er mir ruhig zu, wie ich mich abmühe meinen linken Arm hinter meinem Rücken um das angewinkelte rechte Knie zu legen. Er lächelt nicht, obwohl ich in dieser Pose uhr-komisch aussehen muss. Sein stechender Blick scheint mich zu durchbohren. Ich erröte noch mehr, als ich bereits vor Anstrengung bin, und versuche wie ein Chamäleon mit meiner Yogamatte zu verschmelzen (ein aussichtsloses Unterfangen, da meine Matte blöderweise hellblau und nicht rot ist).

Dann wird es dem Yogi zu bunt (oder rot?) und er dreht meinen Arm unsanft nach hinten, drückt mein Knie näher zum Körper, die Schulter etwas tiefer und plötzlich bin ich korrekt in der Pose und es fühlt sich auch dementsprechend gut und erlösend an. Da ich mit halb eingedrückter Lunge nur ein Krächzen hervorbringe, werfe ich ihm schlussendlich nur einen dankbaren Blick zu. Ein kurzes Lächeln blitzt durch seine Augen, dann hat er sich auch schon seinen anderen Schülern zugewendet und gibt die nächsten Anweisungen auf portugiesisch. Wir yogaposen noch eine ganze Weile, bis ich mich dermassen elastisch fühle, als ob meine Sehnen nur noch aus Gummi bestehen würden.
Anschliessend schwanke ich gelöst-glücklich, leicht und elastisch neben Alex und seinem Fahrrad her. Es ist scho spät, ich bin hungrig und er will mir das beste Fischrestaurant in Viana do Castelo zeigen. So schlendern wir entspannt vom Yoga durch die herzigen kleinen Gassen, zwischen den alten Häuserzeilen hindurch und tratschen ausgelassen.

Schlussendlich begleitet mich Alex noch – ‘nur zum Apero!’ – und er bestellt Garnelen, Meeresschnecken, wilde Miesmuscheln und einen Weisswein aus der Region. Erstere sind roh, winzig klein und haben viele kleine orange Eier am Bauch, die ebenfalls essbar sind – wie mir Alex erklärt. Geschmacklich erinnern die orangen wirbellosen Tierchen an ihre grossen Verwandten, doch sind sie würziger, geschmackvoller und die Eier schmecken salzig-meerig – lecker! Die Schnecken – ich glaube zumindest nach den Beschreibungen von Alex, dass es kleingeschnittene Schnecken waren – schwimmen in bestem Olivenöl und sind geschmacklich zart und fein-cremig. Die Moules mit Zwiebeln sind würzig-herb und saftig zart. Während wir eine nach der anderen Garnele schälen und am blubbrigen, erfrischenden Weisswein aus der Region nippen, merken wir nicht, wie die Stunden vergehen. Aus dem ‘nur kurz’ wird so lange, dass mir Alex den Rückweg zeigen muss und wir schwankend durch die schmalen Gassen von Viano do Castelo.

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Avó
Ich nehme doch die eine oder andere Weisheit vom lebenserfahrenen ehemaligen Kleidershop-Inhaber und heutigen Hotel Manager mit und treffe – sobald ich wieder einen klaren Kopf habe – einen Entschluss: Portugal gefällt mir so gut, dass ich länger bleibe, dafür muss ich die Tage in Spanien kürzen. Ausserdem habe ich das Bus- und Zugfahren und vor allem das Schleppen meines, immer schwerer werdenden, Rucksacks satt. Also nehme ich es mir zum Anlass, um nochmal nach Porto zurückzufahren, geniesse nochmals die lebendige Stadt und miete mir einen fahrbaren Untersatz.

Mit neu gewonnener Freiheit vermeide ich die Tollroads und fahre nur Überland zwischen Weinbergen, Wäldern und hübschen kleinen Dörfern hindurch. So kommt es, dass ich zwischen dem Douro Tal und meinem nördlichsten Ziel, dem Gêres Nationalpark, auf einem gemütlichen Hof in einem kleinen Weinbaudorf übernachte.
Ich höre dem Eigentümer, der plappert wie ein Spatz, lange zu und schlussendlich empfiehlt er mir das Restaurant ‘3 Jorges’, welches nicht weit von der Unterkunft liegt. Da ich den ganzen Tag mit Wandern und Autofahren verbracht habe bin ich hungrig wie ein Eichhörnchen auf Tannenzapfen-Entzug und begebe mich bereits um Sieben (sehr früh für Portugiesische-Verhältnisse) in Richtung des Restaurants, in der Hoffnung, dass die Küche bereits offen ist.

Verlaufen kann man sich in dem winzig kleinen Dorf nicht und so gehe ich bald über den Vorplatz nicht nur auf drei Jorges zu, denn vor dem Eingang sitzen und stehen viele junge Männer, die wohl ihr Aperó-Bier gerne hier nehmen. Da sich in dem kleinen Dorf wahrscheinlich jeder kennt, falle ich bald auf und die angeregten Gespräche verstummen augenblicklich. Alle Köpfe drehen sich und die ganze Aufmerksamkeit liegt auf mir – super. Ich erröte und unterdrücke den Impuls direkt wieder umzudregen, denn ich bin wirklich hungrig und im Dorf gibt es sonst nicht viele Alternativen. Also gehe ich lässig über den leeren Vorplatz und schliesslich zwischen den Portugiesen hindurch und stolpere – natürlich – über die Schwelle, so dass ich nur mit einem grossen Ausfallschritt nicht der Länge nach am Boden liege. Unterdrücktes Lachen, mein Gesicht färbt sich knallrot, doch ich gehe weiter, als ob nichts geschehen wäre. Im Innern empfängt mich eine schummrig beleuchtete Bar rechter Hand und im hinteren Bereich, der jedoch in fast vollkommener Dunkelheit liegt, sehe ich im angrenzenden Raum gedeckte Tische.
Der Barkeeper versteht mich nicht und ich ihn ebensowenig, doch er brüllt etwas in die Dunkelheit, ich zucke erschrocken zusammen. Sofort kommt mir ein junges Mädchen entgegen gesprungen. ‘Natürlich haben wir offen.’ Sie bedeutet mir, ihr zu folgen und betätigt diverse Lichtschalter im angrenzenden Raum und drückt mir die Speisekarte in die Finger. Ich setzte mich an den einzigen vierer Tisch zwischen den vielen sechser oder achter Tischen und studiere kurz die portugiesische Karte und lege sie dann beiseite. Das Mädchen steht augenblicklich neben mir und ich lasse mir das Steak mit Kräuterbutter, Reis und Gemüse empfehlen. Dazu bestelle ich ein Glas vom Haus-Weisswein.
Bald stelle ich fest, dass mir bei der Tischwahl ein entscheidendes Kriterium durch die Lappen gegangen ist. Denn von meinem Platz lässt sich einmal quer durch den angrenzenden Barraum, bis zur Eingangstüre blicken. Dort grinsen mich angeheiterte Gesichter anzüglich an. Die junge Serviererin kommt zurück und stellt mir mit Schwung eine ganze Flasche Weisswein auf den Tisch. Erstaunt mache ich sie darauf aufmerksam, dass ich nur ein Glas bestellt habe, doch sie meint nur: ‘I think you will need it.’ und lässt mich mit offenem Mund sitzen. Also hole ich mein E-Book aus der Tasche, probiere vom feinen, leicht blubbrigen Wein und vertiefe mich sehr offensichtlich völlig in mein Buch. Das Gefühl beobachtet zu werden nimmt trotzdem nicht ab und als ich höre, wie sich Schritte vom Eingang nähern, möchte ich am liebsten unsichtbar werden, denn zum Flirten mit angetrunknen Schulknaben ist mir wirklich nicht zu mute. Doch bevor die Schritte den Esssahl betreten, taucht eine üppige Grossmutter auf und stampft zielstrebig auf den Stuhl vis a vié von mir zu und setzt sich stürmisch, wobei der hölzerne Stuhl ächzende Geräusche von sich gibt. Der junge Mann bleibt zwischen dem Türrahmen stehen und blickt verdutzt zur alten Frau, die ihn mit einem vernichtenden Blick und einem geknurrten portugiesischen Wort dermassen einschüchtert, dass er sofort auf dem Absatz kehrt macht und hastig das Lokal verlässt. Erstaunt schaue ich in ein faltiges, grimmiges Gesicht und begrüsse die alte Dame mit einem Schmunzeln auf den Lippen, einem anerkennenden Nicken und einem ‘boa noite’ und ‘obrigada!’ – guten Abend und danke!

Anfangs versuche ich mich mit der alten Dame, die mich unablässig mustert und keine Anstalten macht sich zu erheben, zu unterhalten, gebe jedoch den Versuch bald auf, da sie tatsächlich kein Wort zu verstehen scheint und koste dafür vom Weisswein. Bald wird mir mein Essen serviert, das wider Erwarten tatsächlich vorzüglich schmeckt und so erfreue ich mich dem sehr guten, leicht prickelnden Wein und dem butterzarten Fleisch. Bis ich satt und genügend angetrunken bin um durch die Menge zurück nach Hause zu wanken. Die Grossmutter bleibt während der ganzen Zeit bei mir sitzen, (andere Gäste kommen keine) und begleitet mich schliesslich bis zur Strasse. Ich bedanke mich und wünsche ihr alles Gute – auf schweizerdeutsch – sie erwidert etwas auf portugiesisch und lächelt zahnlos. Ich stolpere zurück in mein leeres 10-Bett-Hostelzimmer.

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Das Brummen von Tinte
Ich liege auf der linken Seite, den rechten Arm angewinkelt und hinter meinem Kopf abgestützt, so dass er ein Dreieck bildet. Klassische Musik ertönt aus den Lautsprechern und bald mischt sich das unangenehme, aber vertraute, summende Geräusch der Nadelmaschine dazu. Dann berühren mich sanfte, kalte Gummihände, das Brummen wird lauter und kurz darauf sticht mich etwas in die Seite. Ich wage weder zusammen zu zucken, noch mich anderweitig zu bewegen. Also blinzle ich nur und noch bevor ich mir im Klaren bin, ob es nun kitzelt oder schmerzt, nimmt Tyler die Nadeln auch schon wieder von meiner Haut. Ich atme ein. Tyler setzt erneut an. Ich konzentriere mich auf die Bilder an der Wand und versuche mich an das unangenehme Gefühl zu gewöhnen.

Richtigen Schmerz spüre ich keinen. Es ist vielmehr ein etwas unangenehmes Kitzeln. Das brummen stoppt, die Nadeln verschwinden und ich atme erleichtert während der kurzen Pause ein. Die Plastikfolie unter mir wärmt sich langsam durch meine Körpertemperatur auf. Das Licht auf meinen Rippen ist grell, ansonsten ist es angenehm schummrig und warm-gelb in dem kleinen Tattoostudio im ersten Untergeschoss. Zeichnungen und Skizzen hängen an der Wand. Schädel, hübsche bunte Frauengesichter und einflügelige, tote Engel schauen zu.

Sobald die Konturen gestochen sind, wird das Kitzeln von echtem Schmerz abgelöst, denn es geht an die Schattierungen. Aber bald besinne ich mich darauf, dass es nur meine Haut ist, die verletzt wird. Daran werde ich nicht sterben, bald wird es vorbei sein. Ich konzentriere mich also auf meine Atmung und geniesse die schmerzfreien Pausen und bald verfallen wir in einen eingespielten Rhythmus. Während die Nadeln laut brummen, atme ich ganz langsam aus, denke an etwas Schönes. Der Schmerz nimmt zu, ich atme kontrolliert weiter aus, bis er beinahe unerträglich ist. Dann stoppt Tyler. Ich atme ein. Vergesse die Qualen. Dann spüre ich seine kalten, sanften Finger auf meiner Haut. Es ertönt wieder dieser unangenehme Brummton gefolgt von kaltem Schmerz und ich beginne ganz langsam auszuatmen. Der Schmerz steigert sich wieder beinahe ins unerträgliche. Stopp. Ich atme tief ein. So vergeht die Zeit, bis mein Herz mit der Nadel schlägt.
Mein Puls beruhigt sich während dem Tättowieren tatsächlich soweit, dass mein Fitnesstracker – der meinen Puls am Handgelenk misst – meint ich schlafe. So arbeiten wir im Team. Tyler schwärzt meine Haut und ich halte die Schmerzen aus. Das Ergebnis lohnt sich: Ich stehe vor der Spiegelwand und drehe mich von links nach rechts um alle Feinheiten des Kunstwerkes zu betrachten – noch besser, als meine Fantasie. Müde und seltsam verkrampft von der Anstrengung aber mit einem Grinsen im Gesicht und Glücksgefühlen verlasse ich das kleine Studio und auch bald Portugal etwas wehmütig, denn mein Weg führt mich weiter im Schnellzug längs durch Spanien bis nach Barcelona.

Hier geht’s zur Bildgalerie ‚Wildes Portugal‘

Hier geht’s zur Bildgalerie Portugal

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