Das Tor zur Unterwelt

Vor Jahrmillionen erstreckte sich, wo heute die yukatekische Halbinsel liegt, ein Korallenriff. Der Einschlag eines riesigen Meteoriten formte den Golf von Mexiko und erhob das Riff vom Grund an die Oberfläche. Der Meeresspiegel senkte und hob sich während mehreren Eiszeiten. Der Regen, vermischt mit atmosphärischen Kohlenstoffdioxiden, löste den Kalkstein auf und es bildeten sich Höhlen in denen sich dann wiederum ganz langsam Tropfstein-Formationen bildeten.
Wird die Decke der Höhle durch Korrosion zu dünn, oder das Gewicht des Dschungels darüber zu schwer, stürzen die Decken ein und es bilden sich kreisrunde, ovale oder sichelförmige Seen, so genannte Cenotes. Die faszinierenden Löcher im Dschungel sind mit Süss- und manchmal Salzwasser, welches unterirdisch vom Meer durch das Höhlensystem hinein dringt, gefüllt und bilden für die Mayas das Tor zur Unterwelt. Sie waren wohl für die Berechnung des Maya Kalenders von grosser Wichtigkeit und werden heute noch immer für Maya-Riten aber auch gerne als erfrischende Badeseen genutzt.

 

Das Tor zur Unterwelt
Vom Cenote Chaac-Mool ist an der Oberfläche nicht viel erkennbar. Zusammen mit der Tauchguidin Mel und dem deutschen Taucher Moritz setze ich mich in den kleinen, aber glasklaren Tümpel, mitten im kargen yukatekischen Dschungel. Mel gibt das Zeichen und wir sinken. Kurz bevor ich auf den schroffen Steinen am Grund lande, lasse ich etwas Luft in mein Jacket und tariere mich somit aus. Sobald sich meine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt haben, sehe ich zu meinem Erstaunen, dass der kleine Tümpel unter der Oberfläche wesentlich grösser ist. Weite Höhlen erstrecken sich unter der Oberfläche und das Wasser ist glasklar und absolut strömungsfrei. Mel taucht voran, gefolgt von Moritz und ich folge schwerelos gleitend.

Der Dschugel lässt seine Wurzeln bis in die Cenote wachsen. Im Wasser verflechten sie sich zu engen Knoten und enden wenige Zentimeter unter der Oberfläche. Einige Schildkröten paddeln dazwischen und verschwinden im Wurzelgewirr. Fische sehe ich keine. Wir schweben langsam vorwärts, sinken tiefer und ich schaue hoch zum Einstieg. Lichtbündel durchdringen die zarte Wasseroberfläche, erreichen stark und klar den unebenen Grund und erzeugen auf den Steinen und den toten Ästen ein faszinierendes Spiel aus Licht und Schatten. Dann tauchen wir lautlos unter die Felsdecke, fort von der Oberfläche, in das weite Kavernensystem, dem Dunkel entgegen. Die kleine Oberfläche des Cenotes hinter uns entschwindet langsam unseren Blicken.

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Im Reich von Chaac
Für die Mayas existieren dreizehn Himmel- und neun Unterwelt-Ebenen. Die Cenotes bilden das Tor zu Letzteren. In ihren Tiefen lebt der Wassergott Chaac, der das Wasser aus Krügen vom Himmel regnen lässt. Die Cenotes wurden früher unter anderem für schaurige Menschenopfer genutzt und auch heute noch werden dem Wassergott alljährlich Opfergaben dargebracht.
Wir tauchen tiefer, es wird dunkler, die graue Höhlendecke ist nur wenige Zentimeter über mir und Mel zeigt uns jahrtausendalte Versteinerungen am Boden und filigrane Kalksteinformationen an der Decke, aus der Zeit als die Höhle noch trocken lag.

Wir fliegen steil abwärts, und ich spreize die Arme leicht seitlich vom Körper und ein Hauch von Adrenalin pumpt durch meine Venen: So muss sich basejumpen anfühlen. Dann trüben plötzlich ölige Schleier die Sicht. Es ist stockdunkel und ich erkenne die beiden Lichtkegel der Taschenlampen von Mel und Moritz vor mir nur schwer und verschwommen. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken – wird mich Chaac wieder an die Oberfläche entlassen? Unsicher und ganz vorsichtig, um auch ja nichts zu berühren und bloss nirgends hängen zu bleiben, tauche ich beinahe blind vorwärts. Der Lichtkegel meiner Taschenlampe ist verschwommen und dringt schummrig nur wenige Zentimeter durch das Wasser. Wir tauchen durch die sogenannte Halokline oder Sprungschicht, die sich zwischen der tiefer liegenden Salzwasser- und der darüberliegenden Süsswasserschicht bildet. Ich geniesse kurz die Wärme vom Salzwasser und spiele dann fasziniert mit den öligen Schwaden im Licht meiner Lampe.

Die Decke über uns steigt langsam an und wir tauchen etwas höher. Es wird heller und die Sicht wieder klar, denn wir verlassen die Halokline und befinden uns in einem riesigen Raum, mit gewölbten Decken – wie in einer Kathedrale. Ehrfürchtig blicke ich durch die Halle. Ein klein wenig Licht dringt versteckt von oben ins Innere und erleuchtet das Wasser sanft und schaurig grün. Die Sprungschicht bildet eine Unterwasser Nebeldecke am Grund und schwappt leicht zu Füssen von riesigen Steinen, von denen nur die Spitzen zu sehen sind. Wir schweben weiter, schwerelos durch die düstere Welt von Chaac und weit vor uns sehe ich einen klaren, starken Lichtkegel beinahe senkrecht durch das Wasser dringen. Ich schwimme darauf zu, wie eine Motte dem Licht folgt und verharre schliesslich kurz vor der klaren Lichtsäule. Sie ist grell und ich strecke meine Hand vorsichtig aus, habe kurz Angst das Lichtschwert könne mich verbrennen. Zögernd ertaste ich das Licht und meine tatsächlich, durch das kalte Wasser die Wärme der Sonne zu spüren. Ich spiele einige Sekunden mit Licht und Schatten, dann folgt mein Blick dem Strahl nach oben und finden schliesslich Mel, die Meter über mir an die Oberfläche getaucht ist. Ich folge ihr, tauche zuerst auf mein silbernes Spiegelbild zu und dann hindurch und befinde mich in einer luftgefüllten Höhle. Durch ein einzelnes Loch an der Decke fällt das Sonnenlicht beinahe senkrecht in die Höhle und sogar Mel ist begeistert ab der Intensität des Lichtbündels. Die Maya haben wohl eben solche Lichtsäulen zur Bestimmung ihres Kalenders verwendet.
Die Wasseroberfläche reflektiert einige Sonnenstrahlen wellenförmig an die Decke und Wurzelbündel reichen bis ins Wasser. Mir ist eiskalt und ich merke, das ich zittere. Ich bin überwältigt von den Eindrücken und weiss sie nicht in Worte zu fassen. Mel sieht es und meint zu mir: ‘Willkommen in der Welt von Chaac. Es fühlt sich an wie ein perfekter Trip nur ohne Drogen – das ist pure Natur!’

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Spiegelseen
Wir tauchen wieder und schweben langsam zurück, vorbei an gefallenen Deckenstücken voll mit Stalaktiten, deren weisse, toten Spitzen nun diagonal nach oben zeigen.
Ich atme aus und die silbrigen Blasen meiner Tauchluft laufen zuerst geschwind entlang der gekrümmten Höhlenwand und bilden dann Spiegelseen an der Decke. Während ich ihnen nach blicke und mich dabei drehe, weiss ich nicht mehr wo oben und unten ist. Ich sehe mein Spiegelbild klar und deutlich in den Luftseen. Gefallene Stalaktiten bilden den Boden – oder die Decke? Schwerelos, orientierungslos fliege ich langsam und lautlos durch die surreale Welt zwischen Kalksteinformationen, kargen Steinen und totem Holz und geniesse schliesslich ehrfürchtig und dankbar die letzten Blicke auf die klaren Sonnenstrahlen, die von einer anderen Welt sanft und vorsichtig die Unterwelt erkunden. Wir tauchen zurück, der Sonne entgegen und durch die zarte Wasserhaut. Chaac entlässt mich zurück an die grelle Oberfläche und als ich das kühle Wasser verlasse drückt die Schwerkraft bleiern auf meine Schulter.

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2 Gedanken zu “Das Tor zur Unterwelt

  1. Tauchen in Cenotes erleben nur die wenigsten. Dank deiner Beschreibung lässt du an diesem Erlebnis teil haben. Wunderbare Unterwasserwelt ! Wir genossen damals das reine, klare Naturwasser in Katanchel via Dusche, Privat-Pool und als klares, kühles Trinkwasser vom Hahnen. Leider nicht in einem Cenote….

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  2. Ciao Tina! Tia, die Cenoten, da war ich 2006. Ich erinnere mich gut an die warscheinlich speziellsten Tauchgänge meines Lebens. Deine Berichte sagen ja auch alles!! Seit wir uns in Penang leider verpasst haben, verfolge ich regelmässig deine spannende Reise. Du hast ein gutes Auge für Fotos und Bilder und dein Schreibstil ist ausdrucksstark und nie langweilig. Weiterhin alles Gute und viel Spass!! Liebe Grüsse aus Horgen. Roberto

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