Dreierlei Kiwis

Unter Kiwis
In Neuseeland gibt es dreierlei Kiwis: gefiederte, fruchtige und Marmite/Vegemite* essende. Jene mit Federn sind äusserst licht- und -scheu und darum nur sehr schwierig in freier Wildbahn zu finden. Dann gibt es die einheimischen rund-länglichen, braun-pelzigen Stachelbeer Nachfahren. Sie liegen süss und sauer in Verkaufsständen entlang der Strassen oder im Supermarkt-Regal und lassen sich vorzüglich ins morgendliche Müesli schnetzeln. Letzte Kiwis haben eine unverständliche Vorliebe für das bitter-würzige Vegemite und verschlucken beim Sprechen dermassen viele Buchstaben, dass aus den Wortfragmenten nur sehr schwer Sätze rekonstruiert werden können. Sie Alle zusammen bevölkern zwei unvergleichliche Inseln im Pazifik, genannt: Neuseeland.

*Marmite/Vegemite; ziemlich ungeniessbarer, dunkelbrauner, mässig bis gut streichbarer, salzig-bitterer Brotaufstrich aus konzentriertem Hefeextrakt.

Die erste Nacht
Ich höre ein Auto parken und renne sofort die Stufen in der Unterkunft herunter, öffne die Türe und falle meinem jungen, grossen Schwesterchen um den Hals. Zusammen werden wir während vier Wochen im Zickzack über die neuseeländischen Inseln campen.
Nach einem Wochenende in Auckland verlassen wir unser Airbnb und schleppen unser Gepäck quer durch die Stadt. Dann geht alles schnell: Vertrag unterzeichnen, Kratzer checken, Instruktionen erhalten und schon sitze ich hinter dem Lenkrad unseres Toyota Estimas und Simi (auch Simönli, Böhnli und manchmal auch Simone genannt) ermahnt mich alle paar Meter auf der linken Strassenseite zu bleiben, nennt mir nervös und pausenlos den exakten Abstand zwischen Rädern und linkem Strassenrand und navigiert mich so durch den aukländer Verkehr, bis die Häuser rarer werden. Ich betätige regelmässig den Scheibenwischer anstelle des Blinkers, um abzubiegen und wir fahren über verschlungene Strassen, die sich abwechselnd zwischen Farnwäldern hindurch und über grüne Wiesen-Hügel schlängeln. Dann checken wir auf unserem ersten Campingplatz ein und beziehen ein Stück Wiese, mit Blick auf den Strand. Es dauert lange, bis wir uns im Auto organisiert und unser Kofferraumbett eingerichtet haben. Nach getaner Arbeit spazieren wir am Strand, kochen unser Dinner auf dem Gaskocher, trinken Cider und essen unter dem Sternenhimmel Znacht.
Dann legen wir uns in unsere kuscheligen Schlafsäcke und wälzen uns ziemlich schlaflos von einer Seite auf die andere. Denn Vinnie hat nur eine hauchdünne Matte im Kofferraum, und das auch nur, weil wir bei der Autovermietung nochmals nachgefragt hatten. Die Standheizung ist ebenfalls unauffindbar und so frieren wir in dem endlosen Versuch eine bequeme Schlafposition zu finden. Zu allem Leid befindet sich ein Rudel heisshungriger Mücken im Auto. Auch eine nächtliche Mückentötungsaktion beseitigt das Problem nicht gänzlich und so ziehen wir die Kapuzen unserer Schlafsäcke bis auf eine kleine Öffnung auf Nasenhöhe zu um zumindest ein bisschen warm und vor den Mücken geschützt zu sein.
Relativ früh am Morgen und völlig fertig und zerstochen fahren wir in den nächst Besten Outdoorshop und kaufen uns zwei aufblasbare Matratzen, Mückenspray und einen dickeren Schlafsack. Ab der zweiten Nacht schlafen wir bequem, warm, tief und fest.

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Vinnie – The Campervan
Vinnie ist ein weisser Toyota Estima mit orangen Werbeaufklebern. Die Rückbank lässt sich hochklappen, so dass wir im Kofferraum gerade so zwischen Heckklappe und Rückbank liegen können. Die Fenster lassen sich von Innen mit hellgrauen Vorhängen verschliessen. Zusätzlich hat Vinnie eine Überlebenskiste mit Gaskocher, Besteck, Geschirr und Pfannen sowie Campingstühle und ein Zelt ‘on Board’.
Nach dem einchecken auf dem Campingplatz kommt mir jeweils die ehrenhafte Würde des wurfzeltwerfens zu, die ich jeden Tag voller Freude perfektioniere, bis sich das Zelt jeweils in spektakulärem, hohen Bogen vollends entfaltet und relativ unsanft an einer ziemlich beliebigen Stelle landet.
Sobald das Wurfzelt steht, wird Vinnie vom Fahr- in den Schlafmodus umgebaut: Esswaren und Überlebenskiste in das Zelt, Kleider und den restlichen Grümpel auf die Vordersitze, Matratzen, Decken und Schlafsäcke in den Kofferraum. Schon bald sind wir ein eingespieltes Team und der Umbau ist innert kürzester Zeit vollbracht.

Bald stellt sich heraus, dass Vinnie wenn ihm etwas nicht passt, laut zu piepsen beginnt. Dies zeigt sich zum Beispiel all abendlich beim Öffnen eines Fensters als Luftquelle während der Nacht: Vinnie piepst solange, bis zumindest eine Türe wieder zu ist. Vor allem Simone bekommt Vinnies Launen zunehmends zu hören. Denn unser Campervan beginnt aus unerfindlichen Gründen sie zu mobben: Die beiden seitlichen Schiebetüren schliessen und öffnen vollautomatisch, auf Knopfdruck. Ausser wenn Simi die Türe betätigt. Dann stoppt Vinnie kurz bevor die Türe geschlossen ist, öffnet die Türe wieder und piepst was das Zeug hält und es bricht ein unerbitterlicher Kampf zwischen Simi und Vinnie aus. Simi murmelt abwechselnd Fluch- und beschwichtigende Wörter vor sich hin und büschelt den Vorhang nochmals zur Seite, drückt die Matratze etwas weiter in den Kofferraum und stopft die Schuhe ungeduldig unter den Sitz. Vinnie hingegen quittiert alle ihre Anstrengungen nur mit lautem Gepiepse, bis Simi aufgibt, den Hauptschalter umlegt und die Türe dann mit grossem Kraftaufwand manuell zuschiebt.

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Quallen und Delfine
In der Bay of Plenty quetschen wir uns in superdicke Neoprenanzüge und watscheln steif wie Pinguine zum kleinen Boot im Hafen. Der Kapitän – ein Seebär wie aus dem Bilderbuch mit Bart und Bierbauch – manövriert uns aufs offene Meer. Die Wellen sind hoch und ich schaue zu, wie die kleine Stadt hinter uns langsam kleiner wird. Als ich mich umdrehe, ist unser Steuermann verschwunden. Panisch wandert mein Blick über das Deck und findet schliesslich unseren Käpten auf dem Dach, das Ruder vor dem leeren Steuersitz dreht sich langsam von links nach rechts. Es dauert eine Weile bis ich die Monitore erkenne, die unsere Position und unsere Route aufzeigen – wir schippern mit Autopilot. Manchmal korrigiert unser Kapitän den Kurs mit seiner Fernsteuerung, denn wir fahren ein bestimmtes Areal zwischen dem Land und einer Insel systematisch ab.
Während der rasanten Fahrt blicken wir angestrengt über das Meer und versuchen irgendwelche Meeressäuger zu erspähen. Lange erfolglos. Dann deutet unser Seebär plötzlich weit vor uns auf die Oberfläche: Delfine! Und tatsächlich, plötzlich tauchen aus den dunklen Wogen schlanke, schnelle Gestalten auf. Sie schwimmen in der Bugwelle des Bootes und wir setzten uns bei voller Fahrt ganz nach vorne und lassen die Beine knapp über dem Wasser baumeln und werden dabei von den spritzenden Wellen ziemlich nass. Die neugierigen, hellgrau-weissen, flinken Tiere kommen bis auf wenige Zentimeter heran, so dass wir sie fast berühren. Dann tauchen sie ab. Unser Kapitän erklärt uns, dass gerade schätzungsweise 200 Delfine auf der Jagd sind. Die eine Gruppe befindet sich tief im Wasser, wo sie die Fische zusammen treiben. Die anderen warten an der Oberfläche um ihr Essen in Empfang zu nehmen.
Noch während der Seebär erzählt taucht eine Gruppe der Delfine wieder auf und es herrscht plötzlich helle Aufruhr an Bord: Wir dürfen mit Schnorchel bewaffnet ins Wasser springen – was wir uns natürlich nicht zweimal sagen lassen.

Das Wasser ist trotz dem dicken Anzug kalt und das Meer so tief, dass sich der Boden nicht mal erahnen lässt. Überall schwimmen weisse Quallen von Fingernagel- bis Untertassen Grösse. Unser Kapitän hat uns ermahnt vor allem um die blauen, Seifenblasen förmigen Quallen einen grossen Bogen zu machen. Ansonsten brennen die schwabbeligen Kreaturen zwar auf der Haut, sind jedoch nicht weiter gefährlich. Das Wasser ist klar, aber ausser sehr vielen Quallen und noch mehr Wasser sehe ich nichts. Ich blubbere willkürlich und ohne Anhaltspunkte relativ orientierungslos umher, bis weit unter mir eine Gruppe Delfine angetaucht kommt. Ich hole tief Luft um abzutauchen und mache, wie immer einen kraftvollen Armschlag um meinen Körper senkrecht unter die Oberfläche zu befördern und beginne dann mit den Flossen zu strampeln. Doch mein Anzug hat dermassen viel Auftrieb, dass ich mit grosser Anstrengung gerade mal drei Meter unter die Wasseroberfläche schaffe. Erschöpft gebe ich auf und ploppe wie eine Boje wieder an die Wasseroberfläche. Keuchend hole ich durch den Schnorchel Luft und sehe die Delfine auch schon zurückkehren und unternehme abermals einen ziemlich hoffnungslosen Tauchversuch. Dennoch ist es ein tolles Gefühl den wendigen Tieren in ihrem Element zu begegnen und wir kehren happy aus dem Quallenmeer zurück.

Ohrenrobben
Nach einer heissen Schoggi und nachdem wir uns von den Quallenstichen erholt haben, treffen wir ferngesteuert bei einer kleinen Insel im Pazifik ein und bekommen das ‘Go’ für erneutes Schnorcheln. Also werfen wir uns über Bord und befinden uns zwischen flachen, breiten wogenden Algenbäumen und mitten zwischen Robben, also Ohrenrobben, also um genau zu sein, neuseeländischen Seelöwen, die natürlich nicht mit den Seehunden zu verwechseln sind. Verwirrend! Auf jeden Fall hängen die dunkelbraunen Flossenfüsser gerne, mit Kopf nach unten und Schwanzflossen an der Oberfläche, im Wasser und betrachten uns neugierig aus milchig-trüben Augen. Dann flitzen sie wendig zwischen uns hindurch und drehen sich dabei um die eigene Achse. Etwas beängstigend ist es, wenn die Tiere mit gefletschten Zähnen direkt auf einen zu schwimmen. Dann suche ich strampelnd das weite. Das abtauchen habe ich mittlerweile aufgegeben und so gebe ich mich ganz dem Bojendasein hin und dümple an der Wasseroberfläche. Die kleinen, plüschigen Robbenbaybies hingegen bleiben am Ufer und kraxeln plump und tapsig über die Steine. Ein unbeschreibliches Erlebnis.

Die Welle
Nach einem eiskalten aber wunderschönen Aufenthalt zwischen den Bergen von Milford Sound und nach einem kurzen Schafmilchkaffe und -Käse Stop befinden wir uns an der Ostküste der Südinsel in Dunedin (in verschlucktem Neuseeländisch gesprochen: Daniidn) und zwängen uns in kalte, feuchte Neoprenanzüe – ein nicht sehr  lässiges Gefühl. Dann wird uns ein Surfbrett in die Finger gedrückt und unser rotgebräunter Surflehrer watschelt voraus zum Strand. Ich versuche mir das Surfbrett lässig – wie man es aus den Filmen kennt – unter den Arm zu klemmen. Doch mein Brett ist so breit und dick, dass ich schlussendlich beide Arme benötige um meinen schwimmenden Untersatz relativ umständlich zum Meer zu hieven.

Am Strand springen wir Trockenübungen, doch schon bald stehen wir mit unseren Brettern mitten in den kalten Wellen. Wenn dann eine Welle angerannt kommt, drehen wir das Brett, legen uns bäuchlings darauf und paddeln was das Zeug hält. Dann gilt es den Oberkörper mit den Armen in eine Bananen-Pose zu stemmen und dann müssen nur noch die Beine auf das Brett gebracht werden. Tönt einfach, ist schwierig: Bei den ersten zwei Wellen vollführe ich ungewollte Unterwasser-Akrobatik. Bei der Dritten stehe ich zumindest kurz auf dem Brett und freue mich dermassen, das ich mich sofort wieder unter dem Wasser befinde. Mit jeder Welle klappt es etwas besser. Nach zwei Stunden haben Simi und ich beinahe das ganze Meer ausgetrunken und dermassen gepaddelt, dass wir doch froh sind, die schrumpeligen Finger zu trocknen und das Salz von der Haut zu spülen.

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Fallendes Fliegen
Wir parken unser Zuhause, stellen den Motor ab, steigen aus und gehen ziemlich schnell aber schweigsam nebeneinander her – wir sind nervös und etwas spät dran. Im Innern des spiralförmigen Gebäudes geht alles schnell: Anmelden, auf die Waage stehen (uii reisen macht schwer), Angst-Pipi und schon stehen wir auf der Brücke. Wir schauen uns an und Simi meint: ‘Wieso machen wir das nochmal?’ Bevor ich antworten kann, bin ich schon an der Reihe und ducke mich unter dem Geländer hindurch.

Der Helfer legt mir ein Frottetuch um die Waden und bindet dann schnell, aber gekonnt meine Beine zusammen. Dann stellt er mich auf die Füsse und fragt: ‘OK?’ Abgesehen davon dass ich mit zusammengebundenen Beinen nur schwer gehen kann, bin ich absolut ok und erstaunlich ruhig. Ich frage ihn nochmals, ob ich das Wasser berühren kann. Er nickt: ‘sure’. Seinen sarkastischen Blick sehe ich nicht. Ich hüpfe an ihm vorbei auf das Sprungbrett und plötzlich ist sie wieder da, die vertraute Unruhe, die Nervosität, sobald das Adrenalin durch meinen Körper strömt. Mein Herz schlägt schneller und ich bin klar im Kopf. Gleichzeitig habe ich Angst und ein Teil von mir möchte einfach nur umdrehen und davonrennen, doch der ganze Rest möchte bleiben und fliegen. Ausserdem klappt das Rennen mit zusammengebundenen Beinen relativ schlecht, also bleibe ich. Mein Helfer tritt hinter mich. Wir posen für die Kamera und er beginnt zu zählen:

3 – Ich schaue zu meinen Zehen und platziere sie über der Kante. Mein Blick schweift weiter nach unten, dort finden sie – weit unten – den blauen Fluss. Adrenalin pumpt durch meine Adern.

2 – Ich hebe die Arme seitlich von meinen Körper hoch, strecke sie aus und  geniesse das vertraute Kribbeln in den Fingerspitzen und auch in den Zehen. Ich habe Angst und fühle mich gleichzeitig stark, denn ich weiss ich werde springen.

1 – Mein Herz schlägt schnell und stark. Ich spanne jeden Muskel an, stosse mich ab und spüre den wohl schönsten Augenblick beim Bungee: Die Schwerelosigkeit kurz nach dem Absprung. Die Zeit scheint ausser Kraft gesetzt, ich bin federleicht. Der Moment spielt sich in Zeitlupe ab und alles erscheint so einfach, leicht und selbstverständlich. Dann setzt das Kribbeln im Bauch ein, und ich werde schwer. Es geht abwärts. Ich fliege, falle. Konzentriere mich nur auf dieses überwältigende Gefühl der Freiheit. Ich strecke meine Arme dem Wasser entgegen. Doch nur wenige Zentimeter über der Oberfläche katapultiert mich das Seil bereits wieder nach oben. Enttäuscht fliege ich wieder hoch und versuche beim zweiten Mal Fallen doch noch bis zum Nass zu kommen – natürlich ohne Erfolg. Ich pendle aus und hänge enttäuscht ab. Meine Rettungstruppe wartet bereits unter mir im knall gelben Gummiboot und so bleibt keine Zeit um lange baumelnd zu schmollen. Ich muss mich an einer Stange festhalten und werde wie ein Fisch ins Boot gezogen.

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Simi springt ihren Bungee nach mir – gekonnt, aber laut – und am Ende dürfen wir nochmals für die Kamera posen. Immer wieder ein viel zu teures, aber schönes Erlebnis.

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Nach unvergesslichen vier Wochen trennen sich unsere Wege schliesslich in Christchurch. Simi fliegt zurück in den Schweizer Frühling und ich fliege über die Datumsgrenze zurück auf eine von vielen kleinen vulkanischen Inseln mitten im Pazifik.

Hier geht’s zur Bildgalerie Neuseeland

 

 

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