Die letzten Drachen

Ich steige aus dem Boot und folge dem langen Bootssteg bis ans Ufer und trete durch das grosse Tor ins Reich der letzten Drachen. Alleine darf man nicht auf die Insel, das wäre zu gefährlich. Also erwarten uns gleich zwei Ranger. Nervös sucht mein Blick immer wieder die Umgebung ab und ich zucke bei jedem davon fliegenden Vogel zusammen.

Die weltberühmten und gefürchteten Komodowarane können bis zu drei Meter lang werden und eine Geschwindigkeit von 20 km/h entwickeln. Ihre Beute riechen sie aus einigen Kilometern Entfernung und ihre Zähne sind messerscharf. Tagelang warten sie geduldig verborgen und warten, bis ein Opfer vorbeikommt. Ihr Beute hat, wenn erst mal gebissen, keine Chance, denn die Bakterien im Speichel der Drachen wirken tödlich.

Vorsichtig starten wir unsere Komodo-Tour. Einer der Ranger führt unsere kleine Gruppe an, der andere sichert uns gegen Angriffe von hinten ab. Bereits als wir um die erste Kurve sind, bleibt unser Anführer abrupt stehen. Beinahe hätte ich ihn über den Haufen gelaufen, erst im letzten Moment schaffe ich es anzuhalten. Die Grillen zirpen ohrenbetäubend laut und hohes Gras säumt den Weg, ansonsten finde ich nichts verdächtiges. Doch der Ranger drängt mich, schnell zurück und als ich eine lange, gespaltene Zunge aus einem, von Schuppen umrandeten Maul schnellen sehe und realisiere, dass das Tier direkt und schnell auf uns zusteuert, erschrecke ich dermassen, dass ich blitzschnell neben dem Weg und hinter dem zweiten Ranger stehe.
Das grosse Tier wuchtet sich jedoch ohne zu stoppen oder uns eines weiteren Blickes zu würdigen an uns vorbei. Der Waran scheint zum Glück gerade nicht hungrig zu sein.
Unser Führer geht weiter und bald finden wir weitere Drachen. Sie liegen faul im Schatten. Bewegung scheint auch für die Echsen bei der Hitze zu anstrengend. Ein aussergewöhnlich grosses Exemplar gähnt und legt dann den schuppigen Kopf wieder in den Sand. Erst als sich die Ranger bis auf wenige Zentimeter an eines der riesigen Tiere heran trauen, öffnet es die tiefschwarzen Augen und prüft den Geruch der Luft mit der langen gespaltenen Zunge. Doch die Ranger riechen wohl nicht genügend lecker und das Weibchen legt sich bald wieder schlafen.

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Unter Haien
Ausser Drachen beim Schlafen beobachten und tauchen gibt es nicht viel zu tun in Labuan Bajo. Da ich Erstes bereits abgehackt habe, wende ich mich Letzterem zu und suche mir nach Zufallsprinzip eine der vielen Tauchbasen aus, buche eine Tauchsafari und befinde mich bereits am nächsten Tag mit sechs anderen Tauchern auf einem hübschen kleinen Holzschiff.

Ich quetsche mich in meinen Neoprenanzug und höre dann gebannt Rian, unserem Tauchguide zu, der uns an Hand einer seiner schönen Skizzen erklärt, wie unser nächster Tauchgang aussieht. Die Unterwasserwelt rund um Komodo ist vor allem auch für starke Strömungen bekannt. Und so trichtert uns Rian ein, dass wir sofort abtauchen müssen, da wir sonst an der Oberfläche zu weit von unserem Tauchplatz abgetrieben werden.
Mittlerweile routiniert lege ich Bleigurt und Tauchjacket an und überprüfe das Equipment, schlüpfe in meine Flossen, setzte die Maske auf und schon gibt Rian das Kommando. Wir springen dicht hinter einander ins Meer – negativ entry – und tauchen sofort in die dunkelblaue Tiefe.
Ein bunter Teppich aus Steinen, Meeresgrund und Korallen rasen unter uns vorbei und wir befestigen so schnell wie möglich unsere Seile und hängen uns in die Strömung. Ich befinde mich direkt neben einem grossen, mit Weich- und Hartkorallen bewachsenen Stein, der mich etwas von der Strömung abschirmt. Während ich warte, bis wir vollzählig sind, beobachte ich das Leben auf meinem Wartestein. Winzig kleine, braune Fische schwimmen neugierig aus einer weissen, baumförmigen Koralle, begutachten mich und verschwinden dann wieder schnell in der Sicherheit ihres Zuhauses, bis sie wieder eine Erkundungstour starten. Eine kleine Krabbe krabbelt seitlich über den Stein und lässt mich dabei keine Sekunde aus dem Blick. Eine bunte Schnecke bewegt nur manchmal die Fühler und winzige kleine Tierchen bevölkern eine weisse Koralle. Ich bemerke eine Bewegung aus dem Augenwinkel und als ich den Kopf wegdrehe bewegt sich die schwarz-gelb gepunktete Moräne langsam unter mir hindurch. Noch bevor ich mich von meinem Schrecken erholt habe, reisst mich das helle Geräusch von Rians Metallstock, den er an seinen Sauerstofftank schlägt aus meinen Gedanken. Ich suche das Wasser ab. Rechts neben mir hängen Jeffrey und Leva an einem Seil, dahinter sind Louise und Stefan, Rian und ‚Jack Sparrow‘ klammern sich je an einen Stein schräg links hinter mir und blicken gebannt nach vorne. Ich ziehe mich etwas weiter nach rechts, damit ich um meinen Stein blicken kann. Vor Aufregung halte ich die Luft an und steige unbemerkt langsam vom Boden auf. Als ich mich bereits knapp über meinem Stein befinde, besinne ich mich endlich meiner Situation und beginne schnell auszuatmen, damit ich wieder zurück zum Meeresgrund sinke. Ich habe jedoch bereits die Aufmerksamkeit eines Haies geweckt. Das Tier schwimmt direkt auf mich zu. Ausser der Schwanzflosse ist es vollkommen grau und am Bauch etwas heller. Adrenalin durchströmt mich und ich überlege mir bereits das Seil loszulassen, damit ich den scharfen Zähnen ausweichen kann. Erst in letzter Sekunde dreht der Hai ab und schwimmt zurück zu seinen Artgenossen.

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Unterwasser Akrobatik
Wir bleiben noch eine ganze Weile an unseren Seilen hängen und beobachten die Kreise ziehenden Haie, bis Rian das Kommando gibt. Wir lösen die Hacken und schon trägt uns die Strömung schnell weg. Rian strampelt voraus quer gegen die Wassermassen und bedeutet uns aufgeregt rechts zu bleiben. Drei der Taucher schaffen es nicht rechtzeitig den Strömungsschatten zu erreichen und werden von den Wassermassen herumgewirbelt. Jeffrey vollführt einen Unterwassersalto und Stefan wird gegen einen Felsen gedrückt. Zum Glück schaffen es alle unverletzt, aber mit grosser Anstrengung aus den Wasserturbulenzen und wir strampeln so schnell wie möglich wieder in die andere Richtung.
Sobald wir eine strömungsfreie Zone erreicht haben, checken wir unsere Tauchflaschen. Nur Rian und ich haben noch genügend Luft um unten zu bleiben. Der Rest startet den ’safety stop‘. Ich winke zum Abschied und folge Rian. Wir sehen bunte Fische und Korallenwälder. Doch als wir zwischen zwei grossen Felsen hindurch tauchen erfasst uns die Strömung abermals. Wir strampeln was das Zeug hält um auch nur einige Zentimeter vorwärts zu kommen. Rian ist stärker und hält sich immer wieder an Steinen fest. Dann fasse ich seine Flossen und ziehe mich so nach vorne. Immer wieder werden wir von Wasserströmen erfasst, die uns nach links, rechts unten oder oben drücken und dann urplötzlich wieder verschwunden sind. Das Strampeln ist so anstrengend und schwierig, dass ich bald atme wie nach einem Spurt. Die Beine werden schwer und ich beginne sogar die Arme zum Schwimmen einzusetzen um genügend Kraft entwickeln zu können, damit ich dem Wasserdruck standhalten kann und nicht gegen sensible Korallen gedrückt werde. 
Völlig ausser Atem erreichen wir schliesslich wieder eine relativ Strömungsfreie Stelle und beginnen mit dem Sicherheits-Stopp. Dieses mal bin ich sogar so müde, dass ich nicht einmal die Kraft finde um wärenddessen Unterwasser-Luftringe zu üben.

Tauchen mit den Mantas
Plötzlich herrscht helle Aufruhr unter der Mannschaft. Sie deuten aufgeregt auf das Meer und als ich den Blicken folge, sehe ich viele graue Flossen, die immer wieder aus den Wellen auftauchen. Zuerst vermute ich Haie, doch tatsächlich handelt es sich um viele, viele Manta-Rochen die auf Futterjagd immer wieder an die Oberfläche tauchen. Nullkommaplötzlich habe ich mich meinem Kleid entledigt und renne im Bikini los, rutsche über die Schiffsplanken um meinen Schnorchel und die Tauchmaske zu finden. Schnell schlüpfe ich in meine Flossen und springe ins kühle Nass.
Das Wasser ist klar und ich kann den Grund einige Meter unter mir erkennen. Mantas sehe ich jedoch keine. Ich drehe mich in alle Richtungen – nichts. Auch an der Oberfläche kann ich nichts mehr erkennen. Ich strample also auf gut Glück in eine Richtung. Irgendwo müssen sie ja sein. Dann schält sich vor mir ein Schatten langsam aus dem Blau und wird immer grösser. Ich halte in meinem Strampeln inne, als mir einfällt, dass ich gar nicht so viel über Mantas weiss. Sind sie gefährlich, giftig? Der Manta kommt immer näher. Die beiden Flossen, jeweils seitlich vom Kopf, bilden vor dem Mund einen Tunnel. Und so schwimmt er direkt auf mich zu. Nun habe ich doch etwas Angst, doch zurück zum Schiff ist es zu weit und so versuche ich mich möglichst klein zu machen. Doch bereits einige Meter vor mir beginnt der Rochen zu tauchen. Ich blicke unter mich. Der riesige, flache Körper schiebt sich langsam und anmutig unter mir hindurch. Ich breite die Arme aus und versuche so abzuschätzen wie gross das anmutige Tier ist. Tatsächlich ist seine Spannweite etwa zwei Meter grösser als meine. Während ich noch hinterher schaue, befinde ich mich schon in Mitten von fünf weiteren Mantas. Sie tauchen auf den Grund und ich habe mittlerweile alle Scheu verloren. Ich hole tief Luft und tauche hinterher, so tief und lange, wie ich tauchen kann. Blau umgibt mich, die Strömung trägt mich langsam auf die tanzenden Mantas zu. Ohne die schwere Tauchausrüstung bin ich leicht und mit den Flossen wendig und schnell. So komme ich nahe an die riesigen Tiere heran, bis sie über und rund um mich herum tanzen. Ein unbeschreibliches Erlebnis.

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Der verschollene Wasserfall
Die Unterwasserwelt ist unbeschreiblich bunt und vielfältig. Mantas besuchen uns bei fast jedem Tauchgang. An Bord werden wir von einer sechsköpfigen Crew mit bestem indonesischen Essen verwöhnt. Nur in der ersten Nacht nutzen wir unsere Kabinen im Bauch des Schiffes. Geschlafen wird meist an Deck. Denn die Nächte sind warm und es ist um vieles schöner am Morgen von der Sonne geweckt zu werden. Am Abend geniessen wir die schönsten Sonnenuntergänge zu Gitarrenklängen und knabbern Keckse und zwischen den Tauchgängen suchen wir die gesehenen Fische und anderen kuriosen Tiere in den Lexika. 

Wieder zurück an Land bleibt mir gerade noch Zeit um ein Moped zu mieten und die Insel Flores zumindest ein bisschen zu erkunden. Zweistunden suche ich erfolglose einen Wasserfall, der einfach unauffindbar ist und gebe mich schliesslich geschlagen und kehre durch strömenden Regen und überflutete Strassen zu meinem gemütlichen Hostel, mit dem wohl schönsten Dorm, zurück. Am nächsten Tag startet mein langer Flug mit Stopover in Melbourn nach Neuseeland und bin schon ganz aufgeregt dort meine Schwester zu treffen.

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