Java

Mopedtaxis
Nervös drücke ich auf den ‘Pickup-bestätigen-Button’ in der UBER-App. Wenig später hält mein Fahrer am Strassenrand und reicht mir einen Helm. Ich versuche, mir nicht anmerken zu lassen, dass meine Knie doch ein klein wenig zittern und setze mich zögerlich und etwas plump hinter meinen Fahrer. Dann klammere ich mich mit beiden Händen an den Griff hinten am Sattel. Mein Driver dreht am Gashebel und schon sind wir Teil des chaotischen jakartanischen Verkehrs.
Auf der indonesischen Insel Java herrscht Linksverkehr – der jedoch nicht immer sehr ernst genommen wird. Wir überholen eine Autokolonne links, dann rechts dann kreuzen wir quer durch Streetfood-Stände, bevor wir viel zu knapp und schnell um eine Kurve biegen. Mein Herz schlägt wie wild und ich klammere mich an den Griff, wenn mein Fahrer wieder zwischen einer rollenden Autokolonne hindurchfährt – meine Knie nur wenige Zentimeter von den Fahrzeugen links und rechts entfernt. Ein paarmal legen wir eine Vollbremsung hin und jedes mal bleibt mir fast das Herz stehen, wenn wir wieder mit viel zu hoher Geschwindigkeit, viel zu nahe hinter einem anderen Fahrzeug herfahren. Völlig zerzaust und zittrig gebe ich schliesslich meinen Helm zurück und schwanke ins nächste Café, um mich hinzusetzen, wieder ein bisschen Farbe ins Gesicht zu bekommen und meinen Puls zu beruhigen.

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Ein stinkender und weisser See
Da ich auf Java nur wenig Zeit zur Verfügung habe, buche ich in Bandung eine zeitsparende Tagestour zum Whitecrater inkl. Strohbeerenfarm- und Teeplantagen-Besichtigung. Nach einem leckeren Omelett und Kaffee stehe ich an der Hostel-Rezeption bereit zur Abfahrt. Tutu, mein Tourführer, lässt nicht lange auf sich warten und steuert direkt auf das einzige parkierte Motorrad am Strassenrand zu. Ich sehe ihn kritisch an und er fragt erschrocken: ‚Is it ok?‘. Dass wir nur auf zwei Rädern unterwegs sein werden, war mir bekannt, nicht jedoch dass es sich dabei um ein Sportmotorrad handelt.
Zögernd antworte ich: „Klar ist es ok“ und steige hinter Tutu auf den zweiten Sitz. Das klappt die erste Stunde auch relativ gut und es macht Spass, die kurvigen Strassen entlang zu düsen. Dann biegen wir jedoch auf einen sehr holprigen, rutschigen und steilen Schotterweg ab und ich brauche sowohl alle meine Bein-, als auch Armmuskeln, um mich einigermassen im Sattel zu halten. Nach zwei Stunden ist zudem mein Hintern auf der knappen Polsterung dermassen durchgesessen, dass ich dann doch froh bin, als wir beim Parking vom Whitecrater ankommen und ich endlich absteigen kann.
Die letzten Meter bis zum Vulkankratersee lege ich breitbeinig und sehr langsam zu Fuss zurück. Der unangenehme Geruch nach faulen Eiern nimmt bei jedem Schritt zu, bis er fast unerträglich ist. Der Weg führt direkt in den Krater zur Quelle des unangenehmen Geruches. Der See ist aber nicht wie erwartet weiss sondern eher blau-grün-milchig. Es stinkt!

Ich versuche den kleinen See zu umrunden und langsam verschleiert eine Wolke die Sonne und ein Nebel kriecht langsam vom anderen Ufer über das Wasser. Je weniger Sonnenlicht auf den See fällt, je weisser wird das Wasser, bis keine Farbe mehr übrig ist und die Konturen verschwimmen. Der milchige See geht schliesslich direkt, ohne Übergang in den Nebel und die Wolken über. Nur die toten Bäume in und um den See treten schwarz hervor. Es beginnt zu nieseln und ich breche meine Seeumrundung ab und torkle durch den Nebel über die grauen und vom Sulfur gelben Schottersteine zurück. Ich huste regelmässig und es fällt mir schwer, die Füsse zu heben. Zudem fühle ich mich benebelt, ja ein bisschen angesäuselt. Das grosse Schild, das mich ermahnt nur 10 bis 15 Minuten im Krater zu verbringen, sehe ich erst, als ich den Rückweg antrete. Etwas schummrig wanke ich zurück zu Tutu, der schon beim Motorrad auf mich wartet.

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Der schnellste Busfahrer
Kaum haben wir alle Touristen in Yogyakarta aufgepickt, steht unser Minibusfahrer, der uns in das letzte Dorf vor dem Vulkan Bromo bringt, mit Bleifuss auf die Pedalen. Er übertrifft alles was ich bisher an haarsträubenden, viel zu schnellen Busfahrten erlebt habe. Waghalsige Überhohlmanöver wechseln sich mit völlig überhöhter Geschwindigkeit auf Strassen, die doch ab und zu ein Schlagloch aufweisen, ab. Mehrfach schlittern wir nur knapp am Tod vorbei. Alle an Board, mit Ausnahme des Busfahrers, sind kreidebleich im Gesicht und klammern sich an alles, was sie gerade zu greifen finden. Zum Glück findet die Gruppe Russen hinter mir bald die Sprache wieder. Mit erhobenen Stimmen und auf nicht sehr höfliche Art geben sie unserem Busfahrer zu verstehen, er möge doch eine normale Fahrweise einschlagen. Als die tätowierten und breitschultrigen Russen unserem Fahrer dann die Massnahmen bei Nichterfüllen erläutern, mässigt unser Driver ziemlich eingeschüchtert tatsächlich das Tempo und wir fahren einigermassen sicher über die javanischen Strassen.

Sonnenaufgang über Bromo
Am nächsten Morgen weckt mich mein Wecker sanft mit Vogelgezwitscher und Meerrauschen. Unsanft taste ich nach dem Störefried und versuche noch halb im Schlaf das laute Zwitschern abzustellen – ohne Erfolg. Es zwitschert und rauscht bereits unerträglich laut als ich endlich den ‚OFF‘-Schalter finde. Wo man ja schon wach ist, kann man auch aufstehen. Also hieve ich mich durch die Kälte bis zur Dusche. Dort angekommen, merke ich, dass mein Handtuch nicht mitwollte – nochmals durch die kalte Nacht ist keine Option, also muss das ‚Pischi‘ einspringen. Auch in der, als ‚Hot-Shower‘ angeschriebenen Dusche ist die Raumtemperatur eiskalt. Voller Vorfreude auf den wärmenden Wasserstrahl stelle ich mich unter die Brause und drehe den Hebel nach ‚hot‘ und sofort bin ich absolut hellwach. Denn das Duschwasser ist ebenfalls eiskalt und es wird auch nach längerem Warten nicht wärmer. In Rekordzeit bin ich fertig und angezogen und begebe mich frierend zur Rezeption. Dort warten die Fahrer bereits geduldig auf die müden Gäste. Es stellt sich heraus, dass der nette Indoneser, mit dem ich am Abend zuvor im einzigen Restaurant (‚es gibt, was es hat‘) eine rege Diskussion über Nudeln und Reis geführt hatte, auch einer der Jeep-Fahrer ist. Und so darf ich sofort auf einem Beifahrersitz Platz nehmen, während sich meine vier Mitfahrer hinten auf die seitlichen Bänke in den Toyota Scout quetschen. (Vor allem aus dem Grund, da es entweder bergab oder bergauf geht – und zwar steil – aber auch, da die Strassen oft in nicht sehr befahrbarem Zustand sind, werden etwa 300 der Oldtimer Toyota ‚Jeep’s‘ rund um den Vulkan am Leben erhalten, gehegt und gepflegt.) Wir schaukeln die Strasse steil bergauf und müssen die letzten paar Meter bis zum ‚Viewpoint‘ zu Fuss gehen. Die Nacht ist kalt, klar und so dunkel, dass die Milchstrasse deutlich über dem Nachthimmel hängt. Wir setzten uns bei kargen Licht in einen einfachen Verschlag aus Holzpaneelen und schlürfen dankbar um die Wärme einen Kaffee, während wir auf den Sonnenaufgang warten.

Dann drängt unser Fahrer, die letzten paar Meter zu bewältigen und als wir keuchend den steilen Hang bergauf trotten, beginnt es langsam heller zu werden und Stück für Stück erkennen wir mehr von unserer Umgebung. Die Milchstrasse beginnt zu verblassen, einzelne Berge und der Vulkankrater Bromo schälen sich aus der Dunkelheit.
Vor dem Kraterberg erstreckt sich eine riesige Einöde. Steile Felswände bilden die Ränder der Vulkanwüste und erst darüber erstreckt sich wieder das Grün der Wiesen und Wälder. Ein feiner, dichter Nebel hängt in Schwaden darüber und die Sonne strahlt langsam farbiger und heller. Als alle ihre Selfies geschossen haben, setzen wir uns wieder in den Toyota und sehen die ersten der dreihundert Scouts sternförmig die Ränder der Wüste passieren und im Nebel verschwinden. Wir folgen über die holprige Piste und geniessen die Wärme der Sonne.
Auf dem Auto- und Pferdeparkplatz werden wir ausgeladen. Den anstrengenden Marsch über den sandigen Boden und die steile Treppe wird mit einem phänomenalen Ausblick in den dampfenden Krater und auf die umliegenden Berge belohnt.
Wieder zurück aus den vulkanigen Bergen verbringe ich meinen letzten Tag auf Java in Surabaya und schwinge mich – mittlerweile routiniert – hinter meinen Grab- (=Uber) Fahrer, setze gleichzeitig den Helm auf und gebe dem Fahrer das OK. Lässig krame ich dann mein Handy aus der Tasche und checke die Route, natürlich ohne mich festzuhalten. Diese Art von Fortbewegung ist definitiv die schönste, um eine Stadt in Indonesien zu entdecken. So befinde ich mich mitten im Geschehen, ohne als Tourist gross aufzufallen und kann das Sightseeing geniessen. Mein Moped-Chauffeur setzt mich direkt vor dem Capsule-Hostel ab. Dort habe ich mich in eine Schlafkapsel eingemietet. Die relativ geräumigen Kapsel ist mit TV, Kopfhörern und vollautomatischer Licht- und Temperatur-Regelung ausgestatteten und im Raumfahrtdesign gestaltet. Ich kontrolliere nochmals, ob ich auch alles aus der Schlafkapsel eingepackt habe und checke aus, bevor ich mich auf den Weg zum Flughafen und somit auf nach Flores mache.

Hier geht’s zur Bildergalerie Java

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Ein Gedanke zu “Java

  1. Hochspannend dein Bericht über Java! Tina, die (todes)mutige Touristin! Aber auch
    riskante Transporte muss man erlebt haben! Nur etwas für junge, durchtrainierte,
    junge Leute…… Liebes, komm ganz und gesund zurück.
    Das wünscht sich
    deine Nonna

    Gefällt 1 Person

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