Skurrile Kreaturen

grosse Nasen und runde Bäuche
In Malaysia auf Borneo begegne ich vielen, äusserst seltsamen Kreaturen. Bei einer Flussafari auf dem Kinabatangan-River treffe ich auf aussergewöhnlich grosse Riecher: Die braunen Affen sind mehr Nase als Tier. Mit ihren dicken Bäuchen sehen gerade die dominanten Männchen wie fette alte Männer, mit Bierbauch und Schnapsnase, aus. Doch die seltsamen Geschöpfe haben noch eine andere Eigenart. Sie sind die besten Schwimmer und Taucher unter den Affen, dank Schwimmhäuten zwischen den Zehen – echt seltsame Viecher.

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Die Lüfte über dem Fluss werden von riesigen Vögel mit bunten und zu bizarren Formen verkrümmten Schnäbeln regiert, den Nashornvögeln. Mit lauten Flügeln machen sie zusammen mit den eleganten, leuchtend-farbigen Kingfishern und gigantischen Adlern die Lüfte unsicher.

Plötzlich ertönt von Weitem ein Knurren über dem braunen Fluss. Ich bin mir sicher, dies muss ein aus Jurassicpark ausgebrochener T-Rex sein! Unser Bootsführer lenkt das Schiff sofort flussabwärts, der Quelle der bedrohlichen Geräusche entgegen. Wir stoppen vor einer grossen Schilfwand. Zuerst ist lange nichts erkennbar, nur manchmal bewegt sich ein Schilf-Büschel unnatürlich heftig. Erst als wir mit Anlauf in die dichten Pflanzen fahren und unser Käpten nach vorne eilt um die grünen Pflanzen auf die Seite zu drücken, sehen wir sie – zumindest ein bisschen. Graue Felsen grasen friedlich am Ufer. Geschickte Rüssel pflücken das Grün, Strähne um Strähne. Einer der drei Elefant wackelt mit seinen Ohren und stösst ein furchteinflössendes Knurren aus, lässt sich aber nicht lange vom Fressen abhalten. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl den wilden Dickhäutern so nah zu sein.

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Am Abend begebe ich mich mit einem deutschen, ehemals Kreuzfahrtpassagierpfleger und den mutigsten Dschungelerkundern meiner Lodge auf einen Nightwalk. Wir bekommen Gummistiefel und watscheln hinter der vordersten Taschenlampe her, bis das Wasser so hoch steht, dass unsere Gummistiefel ziemlich undicht werden. Beruhigender weise sehen wir nur eine kleine Schlange im gefluteten Dschungel. Diese sei jedoch tödlich, meint unser Guide. Beruhigt leeren wir unsere Stiefel alle paar Schritte um auch ja alle ungebetenen Passagiere wieder loszuwerden. Müde und mit nassen Füssen und unzähligen Mückenstichen schlurfen wir in die Lodge zurück.

Ein schmatzender Orangutan
In Sepilok warten kelchförmige Killerpflanzen geduldig auf Beute. Knuddelige, kleine, schwarze Bären kraxeln die Bäume hoch und giftgrüne Schlangen lauern in Schleifen auf den Ästen. Knallbunte und auch gestreifte Würmer mit einem Hammerkopf schlängeln sich über abgestorbenes Holz und als ich mich an einem Ast festhalte, habe ich plötzlich einen Zweig auf dem Arm der sich von alleine bewegt. Sogleich zweifle ich an meinem Verstand – kann ja schon mal vorkommen, wenn man ganz alleine durch den Dschungel wandert. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich, dass es sich tatsächlich um eine Stabheuschrecke handelt, die von einem kleinen Ast kaum zu unterscheiden ist.
Beruhigt, noch einigermassen bei Verstand zu sein, wandere ich weiter und steige die Stufen zum Canopywalk hoch, der durch die Kronen der Bäume führt. Konzentriert blicke ich umher, ob ich irgendwo ein Tier erspähen kann und bemerke den Orangutan, der ganz nah über mir in den Bäumen hängt erst, als dieser mich lautstark anschmatzt. Dabei bin ich mir nicht ganz sicher, ob das Geschmatze, welches der rotbraune Affe mit seinem Mund verursacht, nun als Abschreckung oder als Anmache zu verstehen ist. Ganz geheuer ist mir die Sache nicht und ich verkrümle mich schnellstens.

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Ein fetter träger Frosch
Am Ufer von Mabul Island sind viele bunte Holzhütten auf langen, meist eher schiefen und wenig vertrauenerweckenden Stelzenkonstruktionen ins Meer gebaut. So ist fast nicht erkennbar, wo die Insel endet und das Meer beginnt. Ausser Tauchen gibt es hier nicht viel zu tun, also nutze ich die Gelegenheit. Doch da ich seit mehreren Jahren nicht mehr mit Druckluft getaucht bin, geht mein Herzschlag vor meinem ersten Tauchgang entsprechend schnell. Zum Glück beruhigt mich Ben und die restliche, junge Tauchguide-Truppe von Seahorse Sipadan. Sie helfen mir fürsorglich, damit ich auch alles dabei und am richtigen Ort habe.

Dann geht’s los wir fahren mit dem Boot zu unserem Tauchspot und Ben lässt sich rücklings vom Boot fallen. Ich folge und klatsche wie ein Stein auf die wellige Oberfläche und wende mich umständlich mit plantschenden Flossen in die richtige Position. Mit der glubschigen Tauchbrille, die alles vergrössert, den langen Flossen an den Füssen und der schweren Tauchflasche auf dem Rücken, bilde ich eine weitere seltsame Kreatur in Malaysia: Ich fühle mich wie ein fetter, träger Frosch.
Ben gibt das Kommando zum Abtauchen. Nervös atme ich aus und entlasse auch die Luft aus meinem Jacket. Langsam sinke ich tiefer und spüre sogleich den bekannten Druck auf den Ohren. Dann fliesst trockene Luft in meine Lungen. Der erste Atemzug unter Wasser fühlt sich wie immer komisch an, doch bald gewöhne ich mich daran und mein Atem geht regelmässig. Eine Ruhe, wie man sie nur unter Wasser findet umschliesst mich und schon bald kommt der sandige Boden unter mir näher. Ben wartet bereits auf mich.
Ich drapiere mich möglichst stabil auf den Knien im Sand, nicht ohne zuerst gründlich den Boden nach bösen Fischen abzusuchen. Langsam wiederholen wir die Übungen aus den Tauchkursen, die ich vor Jahren absolviert hatte. Alles klappt einwandfrei und ich warte ungeduldig bis Ben endlich voraus taucht. Dann schwebe ich zwischen Meeresgrund und Oberfläche schwerelos vorwärts. Über Korallen und farbige Fische hinweg. Ben zeigt mir kuriose, bunte Schnecken und winzige, gut getarnte Krabben. Ständig muss ich meine Maske wieder mit Luft füllen, da ich immer wieder über die Faxen von Ben lachen muss und mir dabei Wasser in die Tauchbrille läuft.
Plötzlich befinden wir uns in einem Schwarm länglicher, silbrig schimmernder Barrakudas. Die Fische beäugen uns neugierig und schwimmen in immer gleichen Abständen zueinander. Ich vergesse zu Atmen und Ben hält mich sogleich fest, damit ich nicht an die Oberfläche steige. Der Schwarm hüllt uns vollends ein. Weder Boden noch die Wasseroberfläche sind mehr sichtbar. Ich verliere vollends die Orientierung. Alles bewegt sich, die Barrakudas sind über, unter und um uns. Dann taucht eine Schildkröte von unten aus dem Dunkel des Meeres auf und wir verlassen den Barakuda-Fischkörper.

Viel zu schnell schon müssen wir wieder an die Oberfläche. Regenwolken ziehen auf und der Wind bläst rau über das Wasser. Bald werden wir von den hohen Wellen auf und ab gewiegt. Das Boot kann sich nur mit Schwierigkeit nähern, das letzte Stück müssen wir schwimmen. Dann beginnt es heftig zu Regnen und ich hieve mich über die Bordleiter mühsam auf das stark schwankende Boot. Die Schwerkraft zerrt an mir. Die Crew nimmt mir die schwere Tauchflasche ab und dabei werden wir von einer Seite auf die andere geworfen. Dann haben wir alle wieder an Bord und unser Käpten gibt Gas. Es beginnt eine ruppige, laute Fahrt über die Wellen. Immer wieder klatscht das Schiff unsanft auf die Wasseroberfläche. Der Wind ist kalt und ein Gemisch aus Salz- und Regenwasser spritzt uns permanent entgegen. Folglich setzte ich meine Tauchmaske wieder auf, damit ich zumindest ein bisschen den Durchblick habe und klammere mich an einem Pfosten fest, um nicht über Bord gespült zu werden.

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Horrorinsekten
Mulu ist nur mit dem Flugzeug oder über eine seeehr lange Flussfahrt erreichbar. Ich wähle den Flug von Miri nach Mulu und schon bald geht das kleine Propellerflugzeug über dem Dschungel auf Sinkflug. Der Wald erstreckt sich so weit das Auge reicht. Für einmal ist keine einzige Palmölplantage sichtbar, doch auch von einer Landebahn ist weit und breit nichts zu erkennen. Als wir nur noch wenige Meter über die Baumspitzen hinweg flitzen klammere ich mich fest an die Armlehnen, drücke den Kopf schwer gegen die Rückenlehne und wage nicht die Augen zu öffnen. Dann spüre ich den bekannte Ruck und das Flugzeug schwankt bei hoher Geschwindigkeit über die Landebahn. Noch mit etwas wackligen Knien steige ich aus dem kleinen Propellerflugzeug.

Der Flughafen ist winzig klein, die fünf Gepäckstücke der Passagiere sind schnell ausgeladen. Ich schwinge meinen Rucksack auf den Rücken und watschle nach rechts, der einzigen Strasse in Mulu entlang. Beim ersten Homestay-Schild biege ich links ab. Helen und Peter, die beiden Besitzer empfangen mich wärmstens und wenige Minuten später stehe ich bereits vor dem Eingang zum Nationalpark. Dort buche ich meine Touren und schon bald erkunde ich zumindest einige der zahlreichen Höhlen im Mulu Nationalpark. Dort winden sich Schlangen die Höhlenwände hoch, damit sie zu ihrer Beute, den Fledermäusen, gelangen. Spinnenartige Tiere mit langen, viel zu vielen Beinen krabbeln in der Dunkelheit und fast durchsichtige, lichtscheue Fische schwaddern blind in den Höhlenseen. Larven lassen Spinnfäden mit tödlich klebrigem Sekret ins Dunkel hängen. Und im Wald krabbeln hässliche, zwanzig Zentimeter lange Insekten – die auch aus einem Horrorfilm stammen könnten – durch die Nacht und Insenken mit gelben Rudolf-Nasen sitzen gut getarnt auf den moosigen Baumstämmen.

Wieder zurück aus dem Dschungel treffe ich Daddy und Ruth in Kuching . Dann verlassen mich die beiden aber wieder, für eine Tour durch Borneo und ich Fliege via Singapur auf die malaiische Halbinsel, weit weg von Horrorinsekten, Nasenaffen, Killerpflanzen und schmatzenden Orangutans – hoffe ich zumindest.

Hier geht’s zur Bildgalerie Borneo

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