Glühwein im Wasserkocher

Weihnachten ist schon lange vorbei, doch weil ich – wie immer – nicht genug von dieser herrlich kitschigen Zeit bekommen kann, hier einige Impressionen von weihnachtlichen Tagen in Asien.

Glühwein im Wasserkocher
Seit Saigon ist es endlich wieder richtig warm, ich kann meine dicke Daunenjacke in den Tiefen meines Bäckpäcks verstauen und pünktlich zu Weihnachten überquere ich mit Fanky die Grenze von Vietnam nach Kambodscha. In der Lobby unseres Hotels in Phnom Penh und auch in diversen Läden wiederholt sich der Song ‚Last Christmas‘ in der Endlosschlaufe und überall wird uns ‚Merry Christmas‘ hinterher gerufen.

Da flüchtet man sich zu den heiligen Tagen extra ins ferne Asien und erwartet zu Weihnachten nur etwas, nämlich Nichts und dann gibt es ganze Läden mit Weihnachtsschmuck und Plastik-Christbäumen, Weihnachtsbeleuchtung und Weihnachtslieder. Überall! Und das obwohl gut 80 Prozent der Vietnamesen Atheisten und mehr als 96 Prozent der Kambodschaner Buddhisten sind.

Schweren Herzens finden wir uns schliesslich mit Weihnachten ab und kaufen uns – wenn schon, denn schon – feierlich einen Rotwein, Orangen und Zimt und brauen uns im Wasserkocher auf unserem Hotelzimmer einen Glühwein. Denn zu Weihnachten gehört Glühwein irgendwie dazu, auch trotz der hohen Temperaturen. Unser Gebräu schmeckt auch – wieder Erwarten – sehr gut und es taugt auch hervorragend  dazu auf unserem Balkon Weihnachten vergessen zu trinken.

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Die Flucht
Am nächsten Weihnachtstag wird es uns dann doch zu feierlich und wir setzen uns in einen klapprigen Local-Bus, der uns weg aus der Stadt, raus aus Weihnachten, immer Richtung Dschungel bringt. Wir haben von einem kleinen Dorf abseits der Strassen mit Homestays gelesen, das Dschungeltrekkingtouren anbietet. Das klingt nach dem perfekten Ort um den Feiertagen doch noch zu entfliehen.

Unser Bus hält schliesslich irgendwo im Nirgendwo am Strassenrand. Wir haben gelesen, dass ein Boot Flussaufwärts zum Dorf fährt und so frage ich den Chauffeur: ‚Fährt hier das Boot nach Chi Phat?‘. Der Busfahrer spricht kein Englisch, lächelt jedoch und nickt. Zögernd steigen wir aus. Von einem Fluss ist nichts zu sehen. Zweifelnd blicken wir mit unseren schweren Rucksäcken dem davon brausenden Bus hinterher.

Aus einem kleinen Unterstand winkt uns ein Mann mit freundlichem Lächeln zu. Ob wir nach Chi Phat wollen? ‚Ja genau‘ antworten wir hoffnungsvoll, wie aus einem Mund. Er könne uns mit seinem Moped hinfahren, ein Boot gäbe es keines. Zweifelnd fragen wir, wie das den gehen soll, mit den beiden grossen Rucksäcken. ‚No problem!‘ Wir blicken uns skeptisch an. Doch mangels Alternativen nicken wir zaghaft, als eine Frau ebenfalls auf dem Moped um die Ecke biegt. Der freundliche Mann hält sie sofort an und bedeutet mir aufzusteigen. Den Rucksack nimmt die Dame, mit Hut und Staubschutz vor dem Mund, zwischen Beine und Lenker. Ich schwinge mich hinter sie auf den Sattel und schon düsen wir los. Ich blicke nochmals zu Fanky zurück, dem das Ganze sichtlich nicht sehr geheuer ist. Auch er wird aufgeladen und zu viert brausen wir über die staubige, holprige Dirtroad, dem Ungewissen entgegen.

Die Landschaft ist umwerfend schön. Weite Steppen und dichter Dschungel wechseln sich ab. Ausser der holprigen Erdpiste gibt es kein Anzeichen für Zivilisation und schon bald lasse ich alle Sorgen und Ängste zurück und geniesse den Ausblick. Fanky hingegen macht einen relativ unrelaxten Eindruck. Seine langen Beine beinahe unter dem Kinn, klammert er sich hinter seinem Fahrer, ziemlich bleich im Gesicht, an den Sattel des Mopeds. Nach ca. vierzig Minuten hat Fanky Muskelkater und wir erreichen einen Fluss. Ein einfaches Holzfloss aus schief zusammen gezimmerten Holzpaneelen, legt gerade an. Die beiden Motorräder mitsamt unserem Gepäck werden in einer haarsträubenden Aktion, die aus einem Stuntfilm hätte stammen können, mit Anlauf aufgeladen. Unsere Mopedtaxi-Fahrer sind routiniert und so läuft alles glatt und das Floss wird sicher ans andere Ufer gestakst. Im Dorf angekommen fallen wir ziemlich müde von der anstrengenden Fahrt über die Schwelle von unserem Homestay und erfahren, dass wir tatsächlich eine zweitägige Dschungeltour unternehmen können. Das passt und so legen wir uns nach all der Aufregung früh schlafen.

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Regen und mindestens eine Tarantel
Am nächsten Tag werden wir vom Trommeln des Regens auf unserem Blechdach sehr früh geweckt. In Regenjacken gehüllt und alles Wichtige in unsere Drybags verstaut, brechen wir mit unserem Führer auf. Zuerst werden wir mit einem kleinen Holzboot flussaufwärts gefahren. Der Regen peitscht uns während der Fahrt entgegen. Es ist kalt und wir schlottern bereits, völlig durchnässt. Tiere sehen wir keine.
Zum Glück werden wir bald am Ufer ausgeladen, wo wir über die schlammige Böschung in den Dschungel stechen. Beim Wandern kehrt unsere Körpertemperatur langsam zurück. Der dichte, grüne Teppich über uns fängt den grössten Regen auf. Alles glänzt sattgrün. Ich bin zwar durch und durch nass und auch ein bisschen schlammig doch je länger ich darüber nachdenke, je weniger macht mir dies etwas aus. Ich nehme die Kapuze ab und höre die Tropfen unregelmässig auf die Vegetation trommeln. Durch das Prasseln sind einzelne Vogelstimmen zu hören. Die Blätter sind nass, die Bäume sind nass, der Boden ist nass, wir sind bis auf die Knochen nass und selbst die Luft ist nass. Ich blicke hoch ins Blätterdach, dem Regen entgegen. Das Lebenselixier rinnt über dunkel bis hellgrüne Blätter, tropft auf üppige Farne und tröpfelt von plüschigen Moosen. Alles scheint sonderbar verbunden und die Welt reduziert auf wenige Quadratmeter – irgendwie gemütlich. Als der Regen langsam nachlässt, tropft es noch lange vom Blätterdach. Ein feiner Nebel bildet sich und alles sieht frisch und knackig feucht aus.

Am Nachmittag erreichen wir ‚pflotschnass‘ unser Dschungelcamp. Wir spannen unsere Tarn-Hängematten, mit angenähtem Mückennetz und auch unsere nassen Kleider unter einem Holzdach auf. Netterweise findet unser Guide unter den Holzplanken unseres Unterstandes eine Tarantel sowie eine Schlange. Wir trinken möglichst wenig, damit wir bloss nicht in der Nacht Pipi müssen, frieren uns in den Schlaf und wachen früh mit der Sonne wieder auf.
Müde, nass und ziemlich schlammig kehren wir nach einem langen Marsch zu unserem Homestay zurück. Nach einer ausgiebigen, erfrischenden Dusche nehmen wir jedoch nicht das Moped-Taxi, sondern tatsächlich das Boot zurück bis zur Strasse. Dieser Weg stellt sich als definitiv bequemer heraus als die lange Fahrt über die staubige, und nach dem Regen auch matschige Buckelpiste. Unsere Reise führt uns weiter nach Koh Ta Kiev, einer kleinen einsamen Insel vor der Küste von Kambodscha. Auf der ruhigen Insel erholen wir uns von den Dschungel-Strapazen, watscheln dem menschenleeren Strand entlang und tanken ausreichend Sonne und Wärme.

Anfang Januar verlässt mich Fanky nach einer ausgiebigen Besichtigung der beeindruckenden antiken Khmerstadt Angkor Wat und mein Weg führt mich weiter via Hongkong nach Borneo.

Hier geht’s zur Bildgalerie Kambodscha

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