Mit Camel Travel durch Vietnam

Tröpfelkaffee
Zusammen mit Fanky reise ich während fünf Wochen längs durch Vietnam und auch ein bisschen quer durch Kambodscha. Wir starten im herbstlich kühlen Hanoi und geniessen das umherstreifen durch das bunte, laute, vielfältige Strassenleben.

Durstig von all dem Sightseeing finden wir per Zufall ein kleines Kaffee im ersten Stock eines alten Häuschens mit gut getarntem Eingang. Wir schlängeln uns durch schmale Korridore und einen vietnamesischen Haushalt, bestellen Kaffee und uns wird jeweils eine Tasse mit Siebaufsatz gebracht. Es duftet verlockend süss-herb, doch noch müssen wir uns gedulden. Das heisse Wasser sickert langsam durch das Kaffeepulver und tröpfelt sachte in die Tassen. Asiaten lieben Sweetmilk (Kondensmilchund natürlich befindet sich bereits viel zu viel der weissen Paste auf dem Boden unserer Tassen. Ganz vorsichtig, und möglichst ohne umzurühren, trinken wir das schwarze Gold und geniessen den Blick auf die lebendigen Strassen.

Mit neuer Energie in den Adern geht es weiter. Ich bestaune den Schildkrötensee und spüre eine leichte Berührung an meinem Rücksack, drehe mich um, doch finde nichts verdächtiges. Vielleicht habe ich mir das nur eingebildet. Sogleich kommt mir aber in den Sinn, dass ich mein Handy nur kurz in die Aussentasche gesteckt hatte, da ich ja gleich ein Foto vom See machen wollte. Mit einem Ruck schwinge ich den Rucksack unter meinem Arm nach vorne und tatsächlich, mein Telefon ist verschollen. Ich durchkämme den ganzen Rucksack und alle Taschen und gehe dann noch einmal alle Varianten durch, wo ich das Handy hätte vergessen können. Natürlich ohne Resultat. Viel zu spät halten wir wütend nach dem Dieb Ausschau und versuchen via Fankys-Phone mein schönes Handy zu orten. Vergeblich.
Sobald alles gesperrt ist und ich wieder klar denken kann, bin ich sogar irgendwie froh. Das Windowsphone war extrem langsam und träge und der Appstore zum Verzweifeln klein. Ausser ein paar schönen Fotos von Tonsai und Hanoi hatte ich alles gebackupt. Soll sich doch ein Anderer damit herumärgern!

Auf Cát Bà (der grössten Insel in der Halong-Bucht) kaufe ich mir ein neues Smartphone: Ein Vivo mit Android und kann es kaum fassen, wie schnell das Gerät reagiert und was sich damit alles bewerkstelligen lässt. So einfach kann das Leben mit Apps also sein. Ausserdem kaufe ich mir eine warme Jacke. Es ist fast eisig – also zumindest unter 20 Grad – kalt. Trotz den tiefen Temperaturen kajaken wir in rekordverdächtigem Tempo über das Meer und zwischen den zahllosen, überwältigenden Inselfelsen hindurch und klettern – natürlich gesichert – die steilen Kalksteinfelsen hoch.

Jungelboss
In Phong Nha haben wir Glück und ergattern eine mehrtägige Tour bei Jungelboss, der uns eine flinke Vietnamesierin und zwei ebenfalls einheimische Porter an die Seite stellt. Unsere junge, dschungelerfahrene Führerin nennt sich – der Einfachheit halber – Summer. Sie fliegt leichtfüssig und beinahe lautlos, vor uns durch den rutschigen, schlammigen Dschungel und gibt ein strammes Tempo vor. Dabei singt sie und macht uns immer auf Hindernisse, giftige oder stachelige Pflanzen aufmerksam.

Wir kommen zum Schluss, dass zwei mal Sommer Glück bringen muss und Petrus ist der gleichen Meinung. Das Wetter hält und wir marschieren durch den relativ trockenen Dschungel. Durch glasklare und leuchtend blaue Flüsse. Wir essen selbstgerollte Fresh-Springrolls mit Dschungel-Kräutern, springen über Wurzeln und tiefhängende Lianen und schwimmen oder klettern in riesige Höhlen, bis wir ausser der Dunkelheit nichts mehr sehen. Unser Camp liegt direkt am Fluss. Die Zelte sind auf einer Sandbank platziert. So schlafen wir bequem weich mit den nächtlichen Geräuschen des Waldes ein.

Am zweiten Tag geht es während einer ganzen Stunde steil bergauf. Summer singt für einmal nicht und sogar Fanky hält den Mund (was ziemlich ungewöhnlich ist). Wir steigen keuchend Stein für Stein höher. Im Camp sind wir einige Zeit vor unseren beiden Portern losgelaufen. Plötzlich höre ich hinter mir ein Rascheln und blicke erschrocken schnaufend, verschwitzt und mit rotem Gesicht zurück. Wie aus dem Nichts sind unsere beiden Begleiter hinter uns aufgetaucht. Marlboro-Man raucht gemütlich während dem Laufen eine Zigarette und Speedy Gonzales geht im Ruhepuls hinter ihm her. Die beiden tragen unser ganzes Essen und die restliche Ausrüstung. Nur unsere Kleider und das Wasser tragen wir selber. Schwer beeindruckt stapfe ich weiter den Berg hoch und versuche wenigstens so zu tun, als ob ich den Aufstieg mit Links meistern würde.

Mission Pipi
Diesmal sind wir besser vorbereitet und drängeln uns möglichst schnell in den bereits relativ vollen Bus. Es lohnt sich um die besten Liegen zu kämpfen. Ein überfreundlicher Busfahrer streckt uns mit einem finsteren Blick einen Plastiksack entgegen. Wir tüten unsere Schuhe ein und hieven uns auf die vordersten Upper-Liegen. Dort befinden wir uns zwar – im Falle des Falles – in der Knautschzone, doch dies sind auch die einzigen Liegen, wo Fanky seine Beine einigermassen strecken kann.

Per Zufall sind wir während unserer Reise auf ein verlockend günstiges Angebot für die Fortbewegung innerhalb Vietnams gestossen. Nach mehrfachem Durchkalkulieren haben wir uns das Schnäppchen nicht entgehen lassen und uns ein Openbus-Ticket gekauft. Von Hanoi bis Saigon können wir immer mit der selben Busgesellschaft fahren: ein Hop-On/ Hop-Off-System. Stolz auf unsere Entdeckung fühlten wir uns schlau beim Kauf. Doch die Vorfreude verflog schlagartig.

Drei Längsreihen mit zweistöckigen Liegebetten befinden sich im Innern des Sleepingbuses. Alles sieht eigentlich komfortabel aus und es ist auch sauber. Doch die Liegen sind für grosse Menschen definitiv zu kurz bemessen und die Busse sind immer hoffnungslos überfüllt.

Der Sleepingbus setzt sich ruckelnd in Bewegung. Eins, zwei mal stoppen wir noch, um noch mehr Passagiere aufzugabeln, bis auch Leute am Boden in den beiden Mittelgängen liegen. Unser grosses Gepäck konnten wir in den Bauchluken verstauen, doch der Bus ist so voll, das es keinen Platz für unser Handgepäck gibt. Also müssen wir es bei unseren Füssen verstauen und sogar für mich wird es unbequem eng auf der schmalen, ledernen Liege. Zum Glück habe ich früher leidenschaftlich Tetris gespielt.

Die Klimaanlage bläst unablässig eisig kalte Luft durch den Bus und wir fühlen uns wie in einem übervollen Kühlschrank. Der Busfahrer hat das Prinzip vom Gang-Schalten nicht ganz begriffen. Beim Überholen – was er sehr ausgiebig und waghalsig tut – kommt ihm nicht in den Sinn runter zu schalten. Im Ruhepuls und kriechend langsam schiebt sich unser Bus jeweils auf der Gegenfahrbahn an anderen Fahrzeugen vorbei. Dann klammern wir uns an unsere Liegen und schicken Stossgebete zum Himmel. Wenn unser lieber Fahrer dann endlich schaltet, dann sehr unsensibel, so dass die Passagiere, die sich nicht angeschnallt haben, aus ihren Sitzen katapultiert werden.

Dann passiert das Unglück: Ich muss mal Pipi und zwar dringend. Ausnahmsweise hat der Camelbus tatsächlich ein kleines WC mit an Bord, zu Hinterst. Im Bus herrscht das Chaos. Gepäck und Passagiere liegen überall, doch mir bleibt nichts anderes übrig: Ich starte ‚Mission-Pipi‘. Fanky wünscht mir viel Glück und ich mache, auf kleinstem Raum, einige Aufwärm- und Dehnübungen zur Vorbereitung und klettere dann von meiner oberen Liege. Unten kann ich nicht direkt abstehen, da alles voll Gepäck ist. Ich strecke also mein Bein von der Leiter aus weit nach vorne, bis ich einen Fleck vom blanken Korridor erreiche und stosse mich von der Leiter ab. Gleichzeitig muss ich mich ducken, da auch von den oberen Liegen Gepäck auf den schmalen Korridor hängt. Der Bus ruckelt und schwankt und ich muss wieder nach oben klettern, da ich die erste schlafende Person am Boden erreicht habe. Ganz langsam und vorsichtig klettere, taumele und krieche ich vorwärts, meinem Ziel entgegen und fühle mich ganz wie Tom Cruise in seinen Mission-Impossible Filmen.

Ausser Puste erreiche ich die Bustoilette. Stolz auf meine akrobatische Einlage drehe ich mich um, um den Applaus in Empfang zu nehmen, doch ernte nur ein gelangweiltes Schnarchen von der linken Upper-Liege. Natürlich habe ich mir das ruppigste Strassenstück für mein Abenteuer ausgesucht. Zum Glück ist das WC so klein, dass ich gar nicht von der Schüssel fallen kann. Erleichtert trete ich zum zweiten Mal den Hindernisparcour an und komme eine halbe Ewigkeit später, völlig fertig wieder bei Fanky an, der mich verdutzt ansieht und mich fragt: ‚Wo warst du denn so lange?‘ Etwas grummelig antworte ich: ‚Im Aerobik-Kurs‘ und füge leise und mit einem schiefen Sieger-Grinsen im Gesicht, hinzu: ‚Mission erfüllt.‘

Hier geht’s zur Bildgalerie Vietnam

171213_PhongNha01

CamelTravel.jpg

171221CamelTravel

Jungelboss1

Ein Gedanke zu “Mit Camel Travel durch Vietnam

  1. liebe Tina
    Ich habe grad alle deine Geschichten fertig gelesen und viele Fotos angeschaut. Dank dem Hinweis deiner Tante Helen. Ich wäre also deine Grosstante Esti, mit ganzem Namen Esther Wenger-Zeier. Also die Kusine von Papa Fredi über meine Tante Ruth Sommer-Zeier…..
    Und ich bin stolz via deinen Blog eine so begabte und mutige Grossnichte kennengelernt zu haben. Ich schliesse mich dem Kommentar von Irma an: einfach danke!
    Mach weiter so! Ich lass mich gern wieder verzaubern und mitreissen von deinem Reisefieber.

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s