Die Tonsai-Kraxler

— Es spielen mit —

blutrünstige Mücken • langarmige Wuschelaffen • ‚der mit der Slackline tanzt‘ • ätänschen-Anton, Hammock-Pauolo, Afro-Dan und zwei Karle • tote T-Rexen • Mama Chicken


Eine unerwartete Begegnung
Der thailändische Tonsaibeach ist nur mit dem Longtailboat erreichbar und gilt als Klettermekka. Das muss ich mir natürlich anschauen und so wate ich mit schwerem Gepäck die letzten Meter durch das warme Wasser. Spitze Muscheln und Steine piksen mir in die Füsse. Ich drehe mich um. Das Longtailboat hat bereits wieder abgelegt und brummelt zurück zu seinem Heimathafen.

Etwas verloren stapfe ich mit meinem schweren Rucksack über den relativ verlassenen Strand. Steile, hohe Felsen behüten die Bucht. Ausser dem Meerrauschen und ab und zu dem entfernten Brummen eines vorbeiziehenden Longtailboates ist es still. Von Bungalows oder Häusern ist ausser einem schicken Resort nichts zu sehen. Am Ende des Strandes finde ich die einzige Strasse und watschle unsicher landeinwärts, entlang einer mit Graffitis geschmückten Wand. Von Übernachtungsmöglichkeiten keine Spur. Ich überlege mir bereits wieder umzudrehen und dem Resort doch eine Chance zu geben oder am Strand zu schlafen. Aber als ich um die Ecke blicke sehe ich die ersten Bungalows versteckt zwischen den Bäumen.
Es stellt sich heraus, dass es tatsächlich einige kleine Unterkünfte und auch Restaurants bis hoch hinauf in den Dschungel gibt. Ich suche mir ein hübsches Bungalow mit Waldblick und Terrasse und erkunde gleich den Dschungelpfad und finde mich mitten in einem hungrigen Mückenschwarm wieder.
Ohne zu zögern erkläre ich den geflügelten Plagegeistern den Krieg, packe all mein Wissen über Kampfsportarten aus – Jackie Chan sei Dank – und schlage wild mit Armen und auch Beinen um mich, damit ich zumindest ein bisschen Blut im Körper behalten kann. Dabei merke ich zuerst gar nicht, wie es über mir raschelt. Mitten im Kampf segeln Blätter schwer zu Boden. Ich blicke hoch und sehe gerade noch, wie ein hellbrauner, graziler Körper durch die Bäume schwingt. Mir bleibt der Mund offen stehen, ich vergesse die hungrigen Mücken und entdecke langsam die ganze Gruppe Gibbons, die direkt über mir in den Bäumen hängt. Die beigen, schwanzlosen, langarmigen Wuschelaffen mit schwarzem Gesicht schwingen sich anmutig von Ast zu Ast und rufen sich lachende, traurige, hohe Töne zu. Ich beobachte sie so lange wie möglich und fliehe dann, kratzend und juckend, mit roten Punkten übersät, völlig zerstochen und fast blutleer aus dem Dschungel.
Zuhause in meinem Bungalow hake ich – nachdem ich ein fast komplettes Döschen Tiegerbalm auf meiner hubbeligen Haut verteilt habe – auf meiner Liste ab: ‚Gibbons in freier Wildbahn beobachten‘ und notiere mir: Mückenspray kaufen! Der nächste, dringende Punkt auf der Liste ist: ‚Klettern‘.

Damit ich an die Felswände komme, buche ich einen Kletterkurs mit Basecamp. Mäxi ist unser Kletterguide und ich lerne drei ebenso motivierte Mitkletterer kennen. Zu viert und später zu dritt machen wir zuerst mit Anleitung von Mäxi und dann ganz alleine während drei Wochen die Felswände sicher und kraxeln was das Zeug hält. Immer mit dem Motto: Wenn man über der Kante ist, ist man drüber.

Töte den T-Rex!
Ich klippe meinen ersten ‚Express‘ (eine Schlinge mit jeweils einem Karabiner an jeder Seite) in den Felshaken und hänge das Seil, welches an meinem Gurt befestigt ist, in den anderen Karabiner.
Klettern, klippen, klettern. Mein Körper bewegt sich wie von alleine. Ich balanciere von Tritt zu Griff. Tanzend, senkrecht nach oben. Weit unter mir sichert mich Paulo und Anton sitzt daneben. Ich suche mir den besten Griff den ich finden kann und platziere meine Füsse so, dass ich abwechselnd die Arme ausschütteln kann und gönne mir eine Pause. Spüre wie sich mein Puls beruhigt und die Kraft zurück in meine Arme findet. Es folgt die Schlüsselstelle der Route – der schwierigste Teil.
Noch einmal tauche ich meine Finger in meinen Magnesium Bag, blicke entschlossen nach oben und klettere weiter. Tastend suchen und finden meine Finger die Griffe, Risse, Spalten und Unebenheiten im Stein. Mein Körper dreht sich von links nach rechts um die Balance auf den kleinen Tritten zu halten. Die Finger brennen vom rauen, scharfen Kalkstein. Die Muskeln zittern vor Anstrengung und mein Herz pumpt was das Zeug hält. Dann werden die guten Griffe rar. Ich bin bereits weit über dem letzten Express. Meine Finger und Zehen kribbeln beim Gedanken an mehrere Meter Freifall die mir ein Abrutschen bescheren würden. Ich finde keinen Griff, an dem ich mich genügend lange halten könnte und mein Kopf beginnt sofort abzuwägen, ob es möglich wäre wieder nach unten zu klettern um nicht zu fallen.
Ich stehe schlecht auf kleinen, rutschigen Unebenheiten, traue meinen Füssen nicht und klammere mich im Würgegriff und in T-Rex-Körperhaltung an den rauen Fels. Das sieht weder elegant aus, noch ist es hilfreich. Ich bin mir dem vollends bewusst und verkrampfe mich dennoch in der unbequemen Pose. Meine Kraft schwindet mein Atem geht schnell, die Unterarme brennen, ich schwitze und habe Angst zu fallen, obwohl ich doch weiss, dass nichts passieren kann. Ich hasse mich sofort für meine Gedanken, die mir wertvolle Zeit und Kraft rauben, reisse mich zusammen, blende die Angst aus, töte den T-Rex, greife höher und bringe meine Füsse auf ungefähr die gleiche Höhe wie meine Arme. Nun befindet sich mein Körper fast parallel zum Boden – das sieht wieder eleganter aus. Ich gewinne Selbstvertrauen und drücke mich mit Körperspannung hoch, doch meine Hände beginnen langsam abzurutschen. Lange kann ich mich nicht mehr halten.
Dann endlich finde ich eine Kante, die mich einige Zentimeter weiter nach oben bringt und platziere die Füsse unter mir neu. Meine Beine und Arme zittern. Ich atme schwer. Nun ist der nächste Felshaken in Reichweite und ich greife mit Rechts an meinen Klettergurt und klippe den Express. Kurz bevor meine linke Hand abrutscht finde ich gerade noch einen Griff für die andere Hand. Ich zittere und bin mir nicht sicher, ob ich genügend Kraft habe, um mein Seil in den Karabiner zu hängen. Ich blicke nach unten. Der letzte Express ist weit unter mir – wenn ich falle, dann tief.
Ich greife zum Seil und ziehe es hoch. Das Seil ist bleischwer, ich zittere am ganzen Körper. Dann geht mir die Kraft aus. Ich lasse das Seil fallen und drücke mich eng an den Fels, klammere mich mit beiden Händen und letzter Kraft fest. Mein Kopf schreit: Das schaffst du nicht! Dafür hast du nicht mehr die Kraft! Du wirst fallen!
Adrenalin pumpt durch meine Adern. Ich kämpfe gegen meinen Kopf, atme langsam aus und löse wiederum meine rechte Hand und ziehe hektisch, verzweifelt am Seil. Meine Finger sind müde, fast gefühllos, steif und gerade als meine Kraft zu Ende ist, schaffe ich es in letzter Sekunde, das Seil in den widerspenstigen Karabiner zu klippen. Meine Hände lassen kraftleer los. Paulo hält mich sofort, ich falle nur einige Zentimeter. Das Seil hängt sicher im Express und ich im Seil und schüttle erschöpft lachend die schmerzenden Arme und Hände aus. Das war knapp.

Das Ende der Route ist wider einfacher und sobald ich zuoberst angekommen bin und mich gesichert habe, kann ich bequem auf einem Felsvorsprung sitzen, den leichten erfrischenden Wind spüren und die Aussicht über den Strand, den Dschungel bis zur anderen Seite der Bucht und über das Meer geniessen.

Die Tonsai-Kraxler
In Tonsai klettert man nicht nur gut, man isst umso besser. Gerade die Gericht bei Mama-Chicken sind unangefochten die Besten, die ich in Thailand esse und auch die riesigen Müesli-Portionen mit selbstgemachtem Jogurt und frischen Früchten im Legacy lassen keine Wünsche offen. Ein einfacher Foodstand im Herzen des kleinen Kletter-Dorfes serviert eine, mit viel Feingefühl perfekt abgestimmte, Noodelsoup und überall gibt es leckere Frucht-shakes.
Nach, oder vor dem Klettern dehnt man die Muskeln im Yoga oder lässt sich von den Massösinnen fachgerecht durchkneten und -knacken. Die Kletterer treffen sich am Abend in den Bars, tanzen, lachen, spielen Billard und Pingpong und balancieren auf den Slacklines hin und her. In letzterem ist Mäxi der unangefochtene Star. Er springt, hüpft, schaukelt, sitzt, liegt auf der Slackline und auch den Spagat kann er auf dem schwabbeligen Band, das etwa einen Meter über dem Boden hängt.

Tonsai ist ein Paradies und nicht zuletzt meine beiden lustigen, bunten Kletterkumpanen machen die Zeit unvergesslich. Als ich die Bucht nach drei Wochen wieder mit dem Longtailboat verlasse, schaue ich doch etwas wehmütig zurück. Ich werde fleissig üben und eines Tages zurückkehren um meine offenen Projekte zu Ende zu klettern.

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