Im Land der Nomaden

In der Nacht erstrahlen die grau-weissen Gebäude der jungen Hauptstadt von Kasachstan in allen Farben. Leuchtende Bänder wandern und blinken in allen Farben über die Fassaden und der Mittelpunkt der Expo, das weltweit grösste Kugel-Gebäude, sendet einen gewaltigen Lichtstrahl hoch in den Himmel.
Futuristisch und ebenso nüchtern und kalt erscheint der neue Stadtteil von Astana bei Tageslicht. Von oben betrachtet sind die Parkanlagen wunderschön, symmetrisch, mit farbigen Blumenbeeten und Wegen die sich zwischen den jungen Bäumen hindurchschlängeln. Die riesigen Parks sind jedoch meist menschenleer. Sie wurden am Reissbrett entwickelt, ohne Rücksicht auf die Bewohner. Sogar für die ehemaligen Nomaden sind sie einfach zu gross. Der ältere Teil der Stadt zeigt sich hingegen geschäftig, schnörklig, überladen, belebt und oft sehr kitschig. Es gibt überall kleine Cafés und Restaurants, Strassenmärkte mit frischen Früchten und Gemüse. So macht Shopping und Sightseeing Spass.

Warten in Astana
Ich fühle mich winzig. Nicht wegen der Gebäude – diese sind meist gar nicht so hoch – doch wegen der Distanzen. Die Stadt ist unglaublich weitläufig. Oder eben nicht, denn zu Fuss ist hier nichts erreichbar. Ich bin entweder mit dem Bus, mit dem Taxi oder mit dem Velo unterwegs und die Stadt stellt meine Geduld auf die Probe. Denn ich warte bis mich das CityBike erkennt, ich warte an der Bushaltestelle. Dann warte ich im Bus – egal wo ich hin will, unter 20 min Busfahrt geht hier nichts.
Ich versuche immer wieder den Tolino hervorzukramen, um meine Gedanke wenigsten ein bisschen zu beschäftigen, doch die Busfahrer brettern, wann immer möglich, so schnell es geht über die Strassen, steuern, bremsen und hupen wie die Henker. Ohne Festhalten geht hier nichts und meistens sind keine Sitzplätze verfügbar. Glücklich, mich lebend aus den Bussen zu drängeln, warte ich anschliessend bei den Fussgängerstreifen, bis die Ampel grün zeigt. Geduldig warte ich in den Schlangen vor den Expo-Pavillons. Aber vor allem warte ich vor dem chinesischen Konsulat.

Heisses Metall
Es ist nicht leicht die Chinesen zu finden, denn die lange Warteschlange ist durch hohe, Chrom-Trapezbleche vor neugierigen Blicken abgeschirmt. Bereits in der Nacht stellen sich die Ersten vor die vergilbte, doppelte Plastikleine, die sich einige Meter vor dem Eingang zum Gebäude befindet. Sobald der Oberst – ein rundlicher, kleiner Mann mit Glubschaugen und Erkältung – um Punkt 9 Uhr erscheint, wird eine Liste der vordersten Anwesenden erstellt. Diese wird dann Frau für Mann, sehr langsam, abgearbeitet.

Am ersten Tag stehe ich um 8 Uhr mit meinen Visum-Unterlagen in der Schlange. Der Bereich vor dem Konsulat ist eng. Links die Absperrung, rechts ein Flügel des Gebäudes, vorne die Leine, dahinter einige Meter gähnende Leere bis zum Hauptgebäude. Der Eingang befindet sich vorne rechts am Gebäudeflügel, hinter einem weissen, hölzernen Kontrollhäuschen und ist von der Warteschlange aus nicht zu sehen.
Die einsame Klimaanlage auf halber Höhe des vierstöckigen, dunkelbraunen Glas- und Metall-Gebäudes schwitzt. Die Tropfen fallen regelmässig alle zwei Sekunden zu Boden und bilden dort eine kleine Pfütze und feine Spritzer dampfen auf den heissen, dunklen Metallplatten der Fassade. Den Bereich zwischen Leine und Eingang bewacht zusätzlich ein bewaffneter und uniformierter Soldat.

Fritz, so nenne ich den Oberst, taucht nur selten auf. Wenn, dann humpelt er schnellen Schrittes bis zur Leine, hustet und verdeckt dabei seinen Mund mit einem Stoff-Nastuch. Er vermeidet den Blick in die Menge und hustet die nächsten Namen auf der Liste herunter. Dann wird wider gedrängelt, gerufen und die Papiere in die Höhe gehalten, in der Hoffnung in den Raum zwischen Leine und Eingang zu gelangen. Ganze Familien mit Kleinkindern, aber auch alte Leute, die sich kaum auf den Füssen halten können, warten vor der der Leine. Wer versucht ohne aufgerufen zu werden, unter der Leine hindurch zu tauchen, wird unsanft von Karl (wie ich den bewaffneten Soldaten nenne) zurückbefördert.
Ab 11 Uhr steht die Sonne so hoch am Himmel, dass die Trapez-Absperrung keinen Schatten mehr spendet. Wir stehen in der prallen Sonne und warten. Ablenkung gibt es keine. Die Leute stehen so eng gedrängt, dass man nicht mal das Handy aus der Tasche kramen kann. Es ist heiss, alle schwitzen und hoffen. Um 12 Uhr schliesst das Konsulat. Die Warteschlange bleibt. Um halb 1 kommt Fritz ein letztes Mal aus dem Gebäude hervor gehumpelt und schaut mit roten Augen kurz über die Wartenden, bevor er sofort wieder den Blick abwendet. Wir sollen es morgen nochmals versuchen.

Kühler Marmor
Am zweiten Tag stehe ich um 7 Uhr in der Schlange und erkenne vertraute Gesichter vom Vortag. Ich habe eine neuen Strategie: Bescheidenheit und Rücksicht zählt hier nichts. Nur wer drängelt und auffällt kommt schnell nach vorne und schneller auf die Liste. Ich stelle mich direkt an die Trapez-Absperrung links, denn dort bleibt der Schatten am Längsten. Um halb 11 Uhr darf ich schwitzend, staubig und müde vom Kampfanstehen unter der Leine hindurch tauchen. Mit zittrigen Händen halte ich meinen Pass und die Dokumente eng an mein laut pochendes Herz. Dann darf meine Gruppe ins Gebäude. Dort sind drei Schalter geöffnet und davor befinden sich erneut lange Warteschlangen. Immerhin ist es im Innern, dank der glatten Marmorplatten an Wänden und Böden, angenehm kühl.

Um halb 12 bin ich die Vorderste in der Schlange und schiebe die ausgefüllten Formulare mit Pass und Foto und Einladung von China und der detaillierten Reiseroute inkl. allen Bestätigungen der Unterkünfte und sogar die Flugbestätigungen nach und aus China, unter der Glasscheibe hindurch.
Die Frau hinter dem Schalter begutachtet meine Formulare nur kurz und schiebt sie zurück: ‚Sie haben das alte Formular 2011 (welches auf der offiziellen Website zum Download bereit steht) ausgefüllt. Bitte füllen Sie das neue Formular 2014 aus.‘ Ich insistiere wütend. Die liebe Dame kann mir nicht einmal sagen, wo ich denn das Formular 2014 herbekommen kann. Mit abschätzigem Blick und einer genervten Handbewegung bedeutet sie mich zur Seite zu treten. Das mache ich auch ganz schnell, damit ich mir nicht den Fuss breche bei dem Versuch mit voller Wucht gegen die Marmortheke zu treten.

Am nächsten Tag steige ich in den Zug nach Almaty. Die ehemalige Hauptstadt von Kasachstan liegt weiter im Süden, direkt am Fusse eines Gebirgszuges und somit fast an der Grenze zu Kirgistan. Neue Stadt, neues Glück, hoffe ich und geniesse den Blick durch das Zugfenster über die weite Steppe.

Hier geht’s zur Bildgalerie Astana

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