Im Nachtzug durch Russland

Russisch für Anfänger
Mittlerweile habe ich es aufgegeben, die seltsamen, kyrillischen Symbole lesen oder verstehen zu wollen. Ich präge mir das erste und letzte Symbol, sowie die ungefähre Länge der Worte ein, folge so den Schildern und stehe wenig später, mit meinem Backpack, in der Warteschlange auf dem Bahnsteig einer der zahlreichen Bahnhöfe in Moskau.

Nach einer ausführlichen Prüfung unter strengem Blick der Zugkonduktösin darf ich einsteigen. Etwas nervös hieve ich mich in den Wagon: Im Nachtzug durch Russland! Wer wird sich mit mir eine Kombüse teilen? Wie klappt das mit dem Schlafen? Bevor ich mir noch weitere Sorgen machen kann, habe ich mein Abteil auch schon gefunden, quetsche mich durch die schmale Schiebetüre und grüsse einmal in die Runde: ‚Hy, how are you?‘ Meine beiden Kombüsengenossen schauen sich fragend an. Stille. Ich winke und lächle. Das hilft immer. Die Frau mit blondem Bobhaarschnitt und der glatzköpfige Mann mit russisch-unterkühltem Blick lächeln zurück und helfen mir, mein Bäck-Gepäck im Fach unter der ‚lower‘ Liege zu verstauen. Anschliessend plappern die beiden wild auf mich ein – auf Russisch. Ich nicke und lächle und antworte, wo immer ich glaube etwas verstanden zu haben, auf Englisch.
Bald vervollständigt ein junges Mädchen, mit angeklebten Wimpern und einem verdächtig perfekten Tein unser Abteil. Die drei unterhalten sich angeregt. Ich lache mit. Wir unterhalten uns in Pantomime und auch mit Google Translater, solange wir Empfang haben und bis die Handys glühen. Die drei geben mir Tipps, was ich in Kazan alles besichtigen soll und bringen mir die wichtigsten Fragen auf Russich bei, damit ich die Sehenswürdigkeiten dann auch finde: ‚Какой корабль отправляется в Свияшко‚ (Welches Schiff fährt nach Swijaschsk?). Dabei verknote ich mir beinahe die Zunge. Die Russen finden’s lustig.

Der Zug fährt durch bewaldete, sumpfige und manchmal steppige, russische Wildnis. Ab und zu kreuzen wir einen Fluss, der sich durch die Landschaft schlängelt. Die Natur zeigt bereits einen Hauch von Herbst, am Morgen hängt ein dünner Nebel über den Gewässern. Dazwischen hält der Zug immer mal wider in einem Dorf oder einer kleinen Stadt. Dann darf man das Zug-WC nicht mehr benützen, wie Natasha mir beibringt. Dafür hat man einen einigermassen anständigen Handyempfang. Ansonsten ist von Zivilisation nicht häufig etwas zu sehen, nur ab und zu tauchen Holzhäuser oder bunt zusammengewürfelte, oft sehr arme Dörfer auf. Ab und zu eine Weide mit Schafen und Kühen. Die Landschaft fasziniert mich. Mir wird nicht langweilig aus dem Fenster zu blicken.
In Kazan schlendere ich durch den imposanten Kreml und spaziere entlang der Wolga. Leider sind jedoch alle Schiffe nach Swijaschsk bereits ausgebucht. In Yekaterinburg treffe ich einen deutschen Russen. Wir plaudern und bouldern und mountainbiken durch die Stadt und die umliegende Natur.
Bis nach Omsk sind es dann nochmals 13 Stunden Zugfahrt. Dort habe ich jedoch nur einen kurzen Aufenthalt von einigen Stunden, bis es wieder in den Nachtzug geht. Zum Glück gibt es überall Kletterhallen und so finde ich mich bald mitten in einem Bouldertraining wieder. Kletterer sind bekanntlich hilfsbereit und so kann ich den schweren Rucksack während meines Aufenthaltes dort verstauen und das Handy laden. Frisch geduscht steige ich im omsker Bahnhof wider in den Wagon.

Unsanfte Grenzkontrolle
Ab dort ist es bis zur kasachstanischen Grenze nicht mehr weit. Und als der Zug am späteren Abend losrollt, nehme ich mir fest vor, dass ich bis zur Grenzkontrolle wach bleibe. Kurz nach der Abfahrt im Bahnhof werden jeweils die Bettbezüge verteilt. Dann heisst es, auf knappem Raum Matratze, Düvet und Kissen anziehen. Dank meiner, mittlerweile erworbenen, Nachtzugerfahrung schaffe ich das bereits mit nur wenigen blauen Flecken und relativ ordentlich. Die Liegen sind ziemlich bequem und die weissen Bettbezüge kuschlig weich. Ich packe den Duftstein aus (denn es kam tatsächlich vor, dass ein Mitreisender eine aufgeschnittene Zwiebel im Viererabteil mitgeführt hat), putze die Zähne auf dem Gang vor dem WC (weil es im WC immer etwas stickig ist), packe anschliessend den Tolino aus und lege mich ins frisch gemachte Bett. Während der Zug regelmässig über die Gleise rattert, fordert die Müdigkeit langsam ihren Tribut. Der Wagon schaukelt sanft und angenehm und langsam fallen mir die Augen zu.

Ich schlafe tief und fest, bis mich ein 3 köpfiger, russischer Grenztrupp unsanft aus dem Schlaf rüttelt. Verschlafen und sehr ungern öffne ich die Augen und werde vom Vordersten, streng uniformierten Grenzkontrollör auch direkt auf russisch angefaucht. Es dauert einige Sekunden, bis ich verstehe, dass er gerne den Pass sehen möchte. Netterweise haben die Herren bereits jedes verfügbare Licht in der Kabine eingeschaltet. Blinzelnd und strubblig krame ich den Pass aus meinem Rucksack. Dieser wird mir sofort aus den Händen gerissen. Der Grenzwächter blättert in von hinten nach vorne und von vorne nach hinten immer wieder durch und hält dabei die Seiten gegen das grelle Licht. Dabei schaut er immer wieder auf das Foto und dann auf mich. Nach gefühlten 10 Minuten fragt er mich etwas auf Russisch. Zum Glück habe ich mittlerweile die passende Antwort bereit: ‚Я инопланетянин. Я не говорю по-русски.‚ (Ich bin Ausländer. Ich spreche kein Russisch.). Er schaut mich verblüfft an, holt jedoch seinen Stempel aus der Tasche und nach einigem Zögern und einem weiteren, musternden Blick, habe ich tatsächlich einen Ausreisestempel in meinem Pass. Der uniformierte Trupp trottet im Gleichschritt aus meiner Kombüse und wenig später rattert der Zug weiter.

Als nach einer halben Stunde keine kasachstanische Grenzkontrolle bei mir eingetroffen ist, drehe ich mich um und schlafe nach all der Aufregung gemütlich weiter. Bis ich wiederum unsanft aus dem Schlaf gerüttelt werde. Diesmal von einer kasachischen Grenzwächterin, ebenso streng uniformiert, aber mit wesentlich freundlicherem Blick. Wiederum wird mein Pass auf Herz und Nieren durchgeblättert. Schlussendlich bekomme ich ihn aber inkl. Visum mit einem Lächeln zurück. Auf geht’s nach Astana. Nur das mit dem einschlafen klappt nicht mehr.

Hier geht’s zur Bildgalerie Kasan, Yekaterinburg, Omsk

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Ein Gedanke zu “Im Nachtzug durch Russland

  1. Richtig luxuriös ist deine Nachtfahrt durch Russland. Schneeweisses Bettzeug und weisse
    Gardinen! Wo findet man das heute noch in Westeuropa?
    Gute Reise weiterhin und viel Glück in China.
    Deine Nonna

    Gefällt 2 Personen

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