Schaulaufen in Moskau

Zuckersüsse Zwiebeltürme

Wie eine Motte dem Licht, folge ich den Zwiebeltürmen des Moskauer Kremls. Die sonderbar verspielten, farbigen Türme sind schon von weitem sichtbar und ziehen mich magisch an. Staunend blicke ich nach oben und befinde ich mich plötzlich mitten in einem lauten, chinesischen Menschenrudel. Es bleibt mir nichts anderes übrig als mitzustolpern – die Hände zum Schutz vor herum schwingenden Selfie-Sticks erhoben. Ich brauche mein ganzes Geschick um mich aus der laut schnatternden Menschentraube zu lösen. Als ich ein bisschen Platz gewonnen habe, wage ich den Kopf zu heben und sehe endlich die prunkvollen, bunten und goldenen, wie Süssigkeiten gewundenen, Zwiebeltürme ganz aus der Nähe. Mir bleibt nicht viel Zeit um zu staunen, denn der nächste Touri-Gruppen-Anführer kommt bereits, wild mit einem Schirm wedelnd, angerannt. Gerade noch rechtzeitig ergreife ich die Flucht. Meine Beine tragen mich so schnell es geht weg.
Erst als ich mich in einem weniger, wenn auch immer noch recht überbevölkerten, Park befinde, wage ich durchzuatmen. Erschöpft, erleichtert und um einige Kratzer und blaue Flecken reicher, setzte ich mich auf den Rasen und beobachte die vorbei zockelnden Menschen.

 

Schaulaufen in Moskau

Eben so bunt, prachtvoll und zuckersüss geschmückt wie die Gebäude in Moskau, sind auch deren Bewohnerinnen. Von den Zehennägeln bis zu den perfekt in Form gebrachten Haarsträhnen. Die Moskauesinnen sind immer vollumfänglich gestylt. Sie tragen elegante Cocktailkleider und stöckeln in hohen Schuhen hüfteschwingend, sicher und stolz erhobenen Hauptes über das unebene Pflaster. Die Moskauer hingegen geben einen hübschen Kontrast ab. Die Männer, mit oft sehr strengen Gesichtszügen und stämmigen Körperbauten, tragen ihr braunes Haar gerne im klassischen, russischen Kurzhaar-Unschnitt, der hervorragend zu den funktionellen Kleidern passt.

Es ist untypisch heiss in Moskau, sogar noch heisser als in St. Petersburg wo ich zuvor so gar nicht aufgefallen bin. Dort wurde ich immer wieder von Russen auf russisch nach dem Weg gefragt (habe ich mir zumindest aus den Gestiken zusammengereimt). Zwischen den, mit Makeup zugepflasterten Gesichtern mit falschen Wimpern und den chicen Kleidern, falle ich jedoch mit meinen ausgebleichten Jeans und den ausgelatschten Converse-Schuhen als Touristin auf und das gefällt mir ganz und gar nicht.

 

Im Tarnlook durch Moskau

Kurz entschlossen steuere ich aus dem Park heraus, auf das nächste Schere/Kamm Schild zu und steige die steile Treppe zum Frisörsalon hinab. Zwei nette Russinnen begrüssen mich. ‚Do you speak english?‘ Die Antwort kommt wie erwartet auf russisch: ’net‘ gefolgt von mehreren Sätzen ebenfalls in unverständlichem russisch. Hmm…Ich krame den Haargummi aus meinem ‚messy bun‘ und forme mit den Fingern eine Schere: Nur die Spitzen und durchstufen bitte. ‚Да, я понимаю‘. Die Frau mit frechem Kurzhaarschnitt winkt mich zu einem Coiffeursessel.

Als sie die Schere anlegt bin ich doch etwas aufgeregt. Hat die nette Russin mich richtig verstanden? Aufmerksam und ziemlich nervös verfolge ich jeden ihrer Handbewegungen. Hier ein Schnitt, da eine Strähne weniger. Sieht zumindest richtig aus. Bald bin ich zurechtgestutzt und schon hat die flinke Russin Rundbürste und Föhn zur Hand. Bevor ich die passenden Gegenargumente beisammen habe, übertönt der Heisslufttrockner bereits jeden Protest und es wird noch heisser im nichtklimatisierten Keller. Ich schwitze und lasse sie machen und hoffe im Anschluss zumindest ein bisschen wie eine Russin auszusehen.

Während einer geschlagenen Stunde versucht die arme Frau meine vielen Haare, Strähne für Strähne zu bändigen und zu glätten. Ein fast unmögliches Unterfangen, wie ich nur zu gut weiss. Irgendwann gibt sie sich lächelnd, mit Schweissperlen auf der Stirn und einer einigermassen akzeptable Glätte geschlagen. Ich steuere vom Frisör direkt zurück zum Hostel und ersetzte die zerschlissenen Jeans durch ein schlichtes Kleid. Die Sonnenbrille verdeckt die ungeschminkten Augen. Die Converse-Schuhe bleiben. Trotzdem werde ich nicht mehr angestarrt und kann ungehindert die Strassen von Moskau und vor allem auch die Metro erkunden.

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