Baltic Princess

Um fünfzehn vor fünf in der Früh ertönt das wohl unangenehmste Geräusch, das es um diese Zeit gibt: ‚digitale Akrobatik‘, der Weckruf meines Handys. Schlaftrunken unterdrücke ich im letzten Moment den Impuls mein Smartphone Richtung – und nach Möglichkeit durch – das Fenster zu werfen. Ich blicke mich um und weiss im ersten Moment nicht, wo ich bin. Koppom, Oslo, Boras, Kopenhagen, Malmö, Skanör und jetzt Stockholm. All diese Städte habe ich während der letzten Woche besucht, da darf Frau schon Mal durcheinander kommen. Gähnend packe ich die letzten Sachen ein, ziehe das Bett aus und schleiche leise aus der Wohnung, damit mein Airbnb-Host noch etwas weiterschlafen kann.

Den Hafen der Tallink-Line finde ich für einmal ganz ohne mich zu verfahren, auf Anhieb. Ich stelle mich direkt in die wartende Autoschlange und begebe mich zum Infodesk und werde dort auf einen Schalter verwiesen, an dem ich dann das Checkin-Ticket erhalten soll.
Meine Euphorie verfliegt sehr viel schneller, als es vorwärts geht. Vorwärts geht hier nämlich wirklich überhaupt nichts. Nach einer Dreiviertelstunde stehendem Andösen (anstehendem Dösen? Schlafstehen?) weiss ich, dass das dritte Deckenpaneel von vorne, direkt neben der vierten Säule von Links, exakt 63 Löcher hat (dreimal nachgezählt). Der liebe Herr am Schalter erzählt mir langsam, nachdem er fünf Minuten lang mein E-Ticket begutachtet hat, dass ich gar kein Checkin-Ticket brauche und direkt mit dem Auto zur Fähre fahren kann. Super. Zum Glück hat die schwedische Gemütlichkeit auf mich abgefärbt und ich kehre nur leicht fluchend und fast ganz ohne mich zu ärgern zu meinem Yaris zurück. Dieser steht mittlerweile einsam auf dem leeren Warteplatz.

Schnell folgen wir den Pfeilen zur Fähre und schon bald verschwindet mein hellroter Freund mit mir im dunkeln Bauch der stählernen Kollossin, der Baltic Princess. Der Einweiser winkt uns bis auf wenige Zentimeter an das Vorderauto heran. Hinter uns haben nur noch wenige Autos platz. Ich steige aus, das Schiff schwankt und die Stahlwände und Böden vibrieren: Die Motoren laufen bereits. Ich quetsche mich zwischen den Autos und schwankenden Menschen hindurch zum Ausgang, es ist eng, stickig warm, die Motoren dröhnen laut und jeder möchte hier möglichst schnell weg.

Auf den oberen Decks lichtet sich die Menschenmenge zum Glück rasch. Das Schiff ist weitläufig: Casino, Bar’s, Restaurants, viele Shops und sogar eine Sauna gibt es an Bord. Viele Fährpassagiere haben eine Kabine gebucht, in welche sie nun verschwinden. Ich finde einen ruhigen, abgelegenen einigermassen windgeschützten Ort auf dem Dach des Schiffes. Das Metall fühlt sich warm an unter der Sonne und ich schlafe, lese und geniesse die Ruhe und den überwältigenden Ausblick. Die Baltic Princess steuert uns behutsam zwischen all den kleinen, wilden Inseln und den grünen und roten Pfählen im Wasser hindurch und weicht so geschickt und trotz ihrer enormen Grösse, erstaunlich wendig, den Untiefen aus.

Nach knapp einem Monat in Schweden habe ich den Anblick der hübschen, roten, hölzernen Häuser langsam satt und freue mich auf ein neues Land mit neuen Abenteuern. Nach elf Stunden Schifffahrt erreichen wir den Schärengarten vor Finnland. Auf einer der ersten Inseln vor der Stadt Turku begrüsst uns ein kleines Häuschen. Es ist schon von weitem zu sehen: Satteldach, rot gestrichenes Holz, weiss eingerahmte Fenster. Es könnte genau so gut in Schweden stehen. Hei Suomi – Hallo Finnland.

170801_Tallink_Stockolm

170801_TallinkLine_Turku.2

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